Familienplanung

Ich wollte eine Tochter und weinte, als ich einen Sohn bekam

Text: Alex Holder; Foto: iStock

 

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It's a girl: Das war lange der dringenste Wunsch. Doch was passiert einer werdenen Mutter, wenn einem dann auf dem Ultraschallbild plötzlich ein Penis entgegenwinkt? 

Ich hatte mich auf die Art und Weise für eine Tochter entschieden, als ob ich sie ins Leben schreiben könnte: eine dem Geschlecht trotzende Schlawinerin, die sich mit dem Status quo anlegen und das Patriarchat bekämpfen würde. Sie würde ein Tutu über einem Superheldenkostüm tragen und durch den Ort stampfen, stets herrisch und neugierig. Im Vergleich zu dieser Vorreiterin einer Tochter, fühlte sich ein Junge einfach so nüchtern, so privilegiert an. Also entschied ich mich, keinen solchen haben zu wollen.

Dann winkte er uns allerdings während der Untersuchung in der 20. Woche mit seinem Penis zu. Ich habe geweint. Ich fühlte mich von meiner Naivität verspottet. Es war mir nie in den Sinn gekommen, dass ich nicht bekommen würde, was ich wollte. Ich ging an diesem Nachmittag durch John Lewis, strich über Miniaturkleider und habe mich von ihnen verabschiedet – und auch von ihr. Es fühlte sich wie ein Verlust an und ich war mir bewusst, wie seltsam es war, etwas nachzutrauern, das ich zu keinem Zeitpunkt hatte.

«Die Erwartungen beginnen, sobald wir mit unserer Fruchtbarkeitsreise starten. Wir kreieren in unserer Fantasie einen Lebensstil, noch bevor unser Kind überhaupt auf der Welt ist.» Ich spreche mit Dr. Rachel Andrew, einer Psychotherapeutin, die sich auf Mutterschaft spezialisiert hat, darüber, wie ich mich gefühlt habe. «Und oft kann kein Kind den Erwartungen gerecht werden, die wir in unserer Fantasie erschaffen haben; man kann eben nicht so einfach eine Persönlichkeit und eine Zukunft auf einen Menschen projizieren.»

Selbst wenn ich mit einer Tochter schwanger gewesen wäre, wer sagt denn, dass sie bereit gewesen wäre, gegen das Patriarchat zu kämpfen? Ihre Lieblingsfarbe wäre wahrscheinlich rosa gewesen, nur um mich zu ärgern, und sie hätte Aschenputtel vergöttert, da bin ich mir sicher.

«Wenn Sie das Geschlecht Ihres ungeborenen Kindes traurig macht, sollten Sie versuchen, zu verstehen, warum genau Sie ein Mädchen oder einen Jungen haben wollten. Wir erschaffen oftmals ohne wirkliche Informationen ein Kind aus Stereotypen», fuhr Dr. Andrew fort. «Versuchen Sie zu verstehen, welche Geschlechterstereotypen Sie beeinflussen und treffen Sie bewusste Entscheidungen, um diese dann in Frage zu stellen.»

Ich hatte definitiv gedacht, dass Mädchen unkomplizierter seien würden. Mein kleiner Bruder war ungezogen – er hat irgendwelche Dinge angezündet und ist von Schuldächern gesprungen – und ich schätze, ich habe mein Wissen über Jungen im Allgemeinen auf den einzigen Jungen gestützt, den ich gut kannte.

Die Tatsache, dass ich bei der Geschlechtsbestimmung meines Babys weinen musste, hat mich dazu gebracht, meine Identität als Feministin in Frage zu stellen. Ich will verzweifelt eine Person sein, die nicht glaubt, dass es einen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt. Und letztendlich glaube ich immer noch, dass jedes Geschlecht sein kann, was es sein will – warum hatte ich also eine so starke Präferenz? Es fühlte sich wie eine innere Sehnsucht an, weniger vom Kopf angetrieben, mehr vom Herzen. Dadurch ist mir klar geworden, wie tief verwurzelt unsere Überzeugungen über Geschlechter sind. In einer Gesellschaft voller Labels können sich selbst die grössten Pragmatiker nicht von Stereotypen freimachen.

Auch verwirrend ist, dass sich viel von meiner Trauer auf die Kleidung konzentrierte. Ich weinte in Gap, ich weinte in John Lewis, ich weinte in Liberty. Jungenkleidung ist langweilig. Wenn die Kleidung für kleine Jungs vorhersagt, was für eine Art von Mann sie eines Tages werden, dann ziehen wir spiessige Rugby-Club-Anhänger gross: langärmelige Poloshirts mit breiten Streifen, Cordhosen in verschiedenen Moostönen und Kapuzenpullis mit gelegentlichem Wink an die urbane Kultur, die es genauso wenig verstanden haben, wie die Designer von Desigual. Die Kleidung, die angeboten wurde, fühlte sich nicht wie die von meinem Kind an.

Als ich dagegen ankämpfte und ihn in Kleidung aus der «falschen» Abteilung einkleidete, wurde ich beschuldigt, meinen Sohn zu benutzen, um für meine eigene Agenda zu kämpfen. Die Gesellschaft, so schien es, konnte einen Jungen in Feenflügeln weniger gut akzeptieren, als ein Mädchen in einem Spiderman-Kostüm. Männlichkeit wird noch immer als Tugend für beide Geschlechter hochgehalten, aber Weiblichkeit ist ein unerwünschtes Merkmal für kleine Jungen. Neben der Kleidung war ich traurig über die Namen. Jungennamen erschienen mir langweilig und zaghaft, nicht feierlich und extravagant wie Mädchennamen.

Das waren oberflächliche Dinge, von denen ich nicht wusste, dass ich ihnen verfallen war, bis mir gesagt wurde, dass ich sie nicht haben konnte. Möglicherweise hätte es sich anders angefühlt, wenn es länger gedauert hätte, schwanger zu werden. Wenn ich hätte länger warten müssen an der Reihe zu sein, einige unerfüllte Monate mehr hätte leiden müssen, dann wäre ich möglicherweise dankbarer dafür gewesen, das zu bekommen, was sich viele Frauen jeden Tag wünschen. Oh, die Scham, enttäuscht über ein gesundes Baby zu sein.

Aber mein Sohn, mein geliebter Sohn, der jetzt zwei Jahre alt ist, hat mich eine wichtige Lektion gelehrt. Er hat mir beigebracht, dass es bei der Mutterschaft nur darum geht, sich dem Unerwarteten gegenüber verwundbar zu machen. Er zeigte mir, dass Menschen vielseitige Wesen sind, die sich nicht in Stereotypen kategorisieren lassen. Er lehrte mich, dass wir alle mehr sind als nur unser Geschlecht. Ich habe mal einen Freund getröstet, als er herausfand, dass sein Kind ein Mädchen wird. Er hatte auf einen Jungen gehofft, weil sein Vater abgehauen ist, als er noch ein Kind war, und er jetzt so gerne eine Vater-Sohn-Beziehung erfahren wollte. Erst jetzt, wo ich selbst ein Kind habe, begreife ich, was für immense Erwartungen das für jedes Kind mit sich bringen würde.

Als ich nach Gründen suchte, warum ich ein Mädchen wollte, habe ich auch viel über mich selbst erfahren. Ich habe gelernt, dass ich nicht so unvoreingenommen bin, wie ich dachte. Ich musste feststellen, dass ich dem Geschlecht Einschränkungen auferlegte und Erwartungen an die Mutterschaft hatte. Ich denke, wenn mein Sohn Cass ein Mädchen gewesen wäre und alle Erwartungen an mein zukünftiges Kind erfüllt worden wären, dann wäre es ein grösserer Schock für mich gewesen, ein Neugeborenes aufzuziehen.

Elternschaft ist eine konstante Justierung von Erwartungen im Vergleich zur Realität. Cass ist nicht besonders übermütig. Ich gab ihm einen Mädchennamen und er trägt seine Haare lang. Gender-Stereotypen trotzt er so oft, wie er ihnen entspricht: Am glücklichsten ist er, wenn er seinen Kinderwagen auf die örtliche Baustelle schieben kann, damit er und sein knuddeliger Fuchs für zwei Minuten Baustellenfahrzeuge mit «Bagger» anbrüllen können.

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