Interview mit Baze

«I putze no mänge weg!»

Interview: Sven Broder; Foto: zvg

«I putze no mänge weg!»

Das neue Album von Baze heisst «Gott», und «A1» die erste Single daraus. Im Interview gibt sich der Berner Rapper aber alles andere als grossspurig.

Baze, Ihr neues Album trägt den nicht ganz unbescheidenen Titel «Gott». Warum? 
Das hat einfach gepasst – zu diesem sphärischen, musikalischen, verschwommenen Sound. Zudem haben ich und Ben Mühlethaler, mit dem ich das Album produziert habe, alles sehr spontan aufgenommen. Die Beats, die Texte; es war, als wär alles einfach so aus uns herausgesprudelt. Insofern ist der Albumtitel auch gar nicht so unbescheiden, denn Gott ist für mich alles, was einen umgibt, alles, was man selber ist, was einen ausmacht. Und vor allem gibt es auf die Bezeichnung Gott kein Copyright, niemand besitzt darüber die Deutungshoheit – auch wenn das viele Leute meinen. Vielleicht lag darin auch die Provokation, die mich gereizt hat: Ich nenne mein Album «Gott», einfach, weil ich das kann. Und weil ich das darf.

Aber – zumindest explizit – kommt Gott in Ihren neuen Songs nur einmal vor. Sie singen: Ob ich an Gott glaube und wenn ja, an welchen, sei «gopferdammi nomal» eine Sache zwischen ihm und Ihnen.
Richtig –  und das meine ich genau so. Indirekt tritt das Göttliche, so wie ich das zumindest verstehe, aber noch in anderen Songs auf, in ganz unterschiedlicher Form. Es gibt da zum Beispiel diese Frau, die verschiedentlich auftaucht ...

… «irgendwo steit sie und lacht und zieht e Strähne usem Muul – und du lachsch zrugg. Was für es Glück.»
Genau. Das sind diese göttlichen Momente im Leben: Das kann deine Tochter sein, die dich anlächelt, das Meer oder vielleicht auch nur der Anblick des beschissenen Lamborghini in der Garage – dann lichtet sich der Nebel, und du denkst: s Läbe isch ebe doch huere geil!

Klingt schön, aber ein Partykracher ist das neue Album deswegen nicht.
Nein. Aber es ist auch nicht der Depro-Sound, der mir gern vorgeworfen wird. Ich finde das Album im Gegenteil sehr lebensbejahend. Aber im Dunkeln gibt es einfach mehr zu entdecken, finde ich. Zudem hatte ich null Bock auf diesen vermeintlich Rap-typischen Party- und Testosteron-Schwachsinn. Ich mein: Ich bin jetzt 38, «Gott» ist mein siebtes Album: Hätte ich den Leuten immer noch erzählen sollen, wie ich hier in Bern so abhänge? Zu dem, dass ich sowas irgendwann einfach nur noch lächerlich finde, interessierte es mich auch komplett nicht mehr. Aber – und das will ich betonen: Von der Machart her ist «Gott» immer noch ein Rap-Album. Und da finde ich dann schon: Wenn es um Technik und Stil geht, putz i dänn no mänge weg.  

Herumgehüpft wird am 2. November, wenn in der Reitschule die neue Platte getauft wird, aber eher nicht.
Anscheinend muss heute jedes gute Konzert ein verdammter Abriss gewesen sein. Aber für mich muss nicht eine Stunde lang herumgehüpft sein, damit ein Konzert gut war. Zudem meinten schon bei meinem letzten Album «Bruchstück» viele: Zu diesem Sound kann man ja gar nicht tanzen. An den Konzerten bewiesen dann irgendwelche hängengebliebene 50-jährige Hippies das Gegenteil. Und ich dachte: Diese Schwäbis checken genau, wie man zu diesem Sound tanzen muss.

Schwäbis?
De Schwäbi, so nennen wir diesen einen Typen in Bern. Wenn an Konzerten alle anderen nur herumstehen, schwebt er in der vordersten Reihe übers Parkett und vollzieht irgendwelche Slow-Motion-Bewegungen. So Schwäbis gibt es doch in jeder Stadt – und jeder, der ab und zu in Clubs unterwegs ist, kennt so einen.

Diese Schwäbis sind jetzt Baze’ neue Zielgruppe?
Mein Sound soll eben gerade nicht nur eine spezifische Gruppe ansprechen. Nehmen wir meinen Vater. Mein Père ist jetzt 70 und feiert mein neues Album u huere. Und mein Père ist sehr kritisch. Er ist zwar kein Musiker, aber ein riesiger Musikfan. Sagt er: Huere geil!, dann gilt das. Zumindest für mich. Denn dann ist der Sound auf der Linie, auf der auch ich gute Musik empfinde. Gute Musik ist in erster Linie ein gutes Gefühl, eine Emotion – kein verdammter Leistungsausweis. 

Im Hip-Hop werden gerade eher die krassen Jungs gefeiert – vor allem bei den Jungen. Sie bewegen sich eher in die andere Richtung.  
Hip-Hop ist eine Kultur, bei der es in erster Linie darum geht, Stärke zu zeigen. Aber eigentlich ist das doch das Langweiligste. Wenn ich in einer Beiz sitze, und der Typ am Tisch erzählt nur ständig, wie geil er ist, dann denke ich nach fünf Minuten: Fick dich! Interessant wird es doch erst, wenn jemand auch von seinen Schwächen erzählt und von seinen Brüchen im Leben. Denn die gibt es, immer wieder, egal wie sehr man glaubt, endlich angekommen zu sein.

An einer Stelle rappen Sie, dass Sie vom Leben nicht mehr erwarten, als am Ende sagen zu können: Ich habe mir wenigstens ein paar Gedanken gemacht. Kein besonders hoher Anspruch ans Leben.
Finden Sie? Für 70 Prozent der Menschen ist das sogar ein sehr, sehr hoher Anspruch! (lacht) Aber tatsächlich habe ich mich auch gefragt, ob dieses Lebensfazit nicht vielleicht doch zu fatalistisch ist: Mach dir einfach ein paar Gedanken, dann ist gut, dann darfst du getrost abkratzen. Aber gemeint ist damit, dass man einfach kein ignorantes Arschloch sein soll, nicht der Welt, nicht den anderen Menschen und auch nicht sich selbst gegenüber. Ich las kürzlich ein gutes Zitat: «Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben.» 

Baze: Gott. Das Album erscheint am 7. September. Plattentaufe ist am 2. November im Dachstock der Reitschule Bern. Infos und weitere Konzertdaten finden Sie
 

Sven Broder

Der Reportagenleiter schwärmt für Anekdoten und gute Geschichten, mag Fragen lieber als Antworten, Optimisten lieber als Nörgler. Er hat ein Näschen für Tabus und Fettnäpfchen, aber erschreckend wenig Talent, sie aktiv zu meiden. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Zürich.

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