Interview

«Nur weil man Hip-Hop hört, ist man kein Sexist»

Interview: Kerstin Hasse; Foto: Screenshot (1), Lyrics Magazin

Sexismus im Hip Hop
Lyrics
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Hip Hop Videos sind oft klischiert:

Nackte Frauen tanzen leicht bekleidet um die Rapper herum – wie zum Beispiel hier im Video zum Song «Pop That» von French Montana. 

Die Sonderausgabe des Lyrics dreht sich um die Frage: «Hat Rap ein Problem?» 

Das Schweizer Hip-Hop Magazin Lyrics befasst sich in einer Sonderausgabe unter anderem mit dem Thema Sexismus im Rap. Wir haben mit Chefredaktor Elia Binelli über das Frauenbild im Hip-Hop, den Einfluss von Musik auf Jugendliche und die Hoffnung auf eine Frau auf dem Lyrics-Cover gesprochen.

gamevuinhon.info: Elia Binelli, Sie widmen Ihre Sonderausgabe des Lyrics-Magazin all den Themen, die im Diskurs über Hip-Hop für Zündstoff sorgen: Drogen, Gewalt, Sexismus, Rassismus und Antisemitismus. Warum?
Elia Binelli: Wir haben das Magazin 2014 gegründet, um eine Plattform für Schweizer Hip-Hop zu sein, ein professionelles Medium, das ein Abbild der Schweizer Szene gibt, die damals gerade wieder stärker aufblühte. Hip Hop stand seither immer wieder in der öffentlichen Debatte und wir haben gemerkt, dass auch unsere journalistische Verantwortung damit grösser wurde. Mit der jetzigen Ausgabe wollen wir diese Verantwortung wahrnehmen. Wir wollen in Zukunft ein wenig politischer werden.

Was ist Ihr persönliches Learning dieser Ausgabe – in Bezug auf Sexismus im Hip-Hop?
Das wurde ich oft gefragt. Da wir uns alle in der Redaktion schon sehr lange mit Hip-Hop auseinandersetzen, haben wir eine recht fundierte Meinung und die hat sich durch dieses Heft nicht wesentlich geändert. Ich habe eher ein Learning aus den Reaktionen gezogen. Viele Leute, seien das Autoren, Professoren oder Künstler, mit denen wir gesprochen haben, schätzten, dass wir einen Diskurs führen wollen. Andere reagierten ein wenig anders…

Nämlich?
Naja, nicht alle Leserinnen und Leser finden toll, dass wir uns mit diesen Themen auseinandersetzen, das kann man in den Kommentarspalten auf unseren Social-Media-Kanälen lesen. Aber das ist okay. Man befürchtet, dass der Hip-Hop dadurch schubladisiert wird und ich finde auch, dass das nicht passieren darf. Aber es ist eben wichtig, dass sich ein breiteres Publikum mit Hip-Hop auseinandersetzt. Wenn man heute in einen Hort geht, dann hören dort 12- bis 15-Jährige nur Rap. Dieses Genre prägt eine ganze Jugend. Also sollten Menschen, die sich damit befassen, wie sich unsere Gesellschaft entwickelt, mehr über Rap wissen. Und mit dieser Ausgabe wollen wir diese Leute erreichen. Es ist klar, dass es nicht diesen einen Hip-Hop gibt, man darf das nicht verallgemeinern. Wir kümmern uns in dieser Ausgabe aber eben um die Arten des Hip-Hop, die anecken. Der Hip-Hop, der stark kommerzialisiert ist und deshalb auch viele Jugendliche erreicht.

Ein Hip-Hop, der eben auch mal rassistisch oder sexistisch ist.
Hip-Hop ist ein Abbild unserer Gesellschaft, das ist mir bei dieser Ausgabe noch mal stärker klar geworden. Dieser kommerzialisierte Rap feiert die gleichen Statussymbole wie andere Branchen in unserem kapitalistischen System. Darunter eben auch sexistische Bilder, die man auch in vielen Hollywoodfilmen sieht: Frauen, die Objekte sind, Drogen, die glorifiziert werden…

Dennoch: Wie Sie gerade sagten, Hip-Hop prägt die Jugend besonders. Wie problematisch sind sexistischen Botschaften, die in manchen Rap-Songs vorkommen, für junge Buben und Mädchen?
Das ist auf jeden Fall problematisch. Wenn man als junger Mensch rund um die Uhr hört, dass Frauen nur Objekte sind, dann ist das schwierig, weil diese Jugendlichen in der Phase der Identitätsfindung sind. Die Frage lautet: Wo liegt die Verantwortung? Liegt die bei den Eltern? Beim Künstler?

Was denken Sie?
Wahrscheinlich bei beiden. Als Eltern ist es sicher wichtig, dass man sich damit auseinandersetzt, was die eigenen Kinder hören und das vielleicht auch in einen Kontext stellt. Künstler wiederum sollten den Einfluss, den sie haben, auch ein wenig steuern.

Sie selbst sind mit Rap aufgewachsen. Hat das Ihr Frauenbild in Teenagerjahren beeinflusst?
Ja, ich bin aufgewachsen mit Rap und schon damals gab es schlimme Texte, wenn ich da an Sido oder Bushido denke. Meine Mutter setzt sich extrem gegen Sexismus und für Frauenrechte ein, sie arbeitete früher unter anderem beim Frauennottelefon. Ich habe ihre Werte verinnerlicht und führte auch diesen Kampf in mir zwischen dem, was mir beigebracht wurde und dem, was ich hörte. Und doch habe ich es als junger Mensch geschafft, zu differenzieren. Anzunehmen, dass alle Leute, die Hip-Hop hören, zu Sexisten werden, ist falsch.

Aber wenn ständig Worte wie Bitch oder Fotze durch die Kopfhörer brummen, rutschen die doch auch im eigenen Leben über die Lippen?
Vielleicht. Aber deshalb ist ein Sensibilisierungsprozess zentral und deshalb finde ich diese Ausgabe auch so wichtig. Wir wollen ein Bewusstsein schaffen – auch für die Sprache. Ich finde, man darf als junger Mensch sagen: Ich feiere den Rap, der durch meine Kopfhörer läuft total und ich darf den auch feiern, aber ich gehe bewusster mit dem um, was ich konsumiere. Ich versuche zu reflektieren, was ich höre und das einzuordnen. Man darf Bushido geil finden – auch wenn er zehn Mal Fotze sagt. Aber trotzdem sagt man das nicht einer Frau, der man begegnet.

Wo zieht man dann die Grenze, wann ist es das eine Mal Fotze zu viel, das in einem Songtext fällt?
Das ist eine verdammt schwierige Frage, auf die es auch nicht wirklich eine gute Antwort gibt. Wann wird die Sprache zu Kunst und wann ist sie keine Kunst mehr? Ich persönlich versuche herauszuhören, ob hinter diesen Worten eine Botschaft steckt, eine Lebenseinstellung. Wenn einer rappt: «Meine Frau gehört hinter den Herd, sie ist nichts wert», und ich das Gefühl habe, der meint das wirklich ernst, dann finde ich das sehr problematisch. Wenn einer sagt: «Ich chill mit fünf Bitches am Pool», dann nehme ich das anders wahr.

Es ist also reine Gefühlssache?
Vielleicht schon.

Sie berichten in Ihrer Ausgabe auch von weiblichen Rapperinnen. Was können Frauen in dieser Branche verändern?
Mega viel! Ich bin zum Beispiel ein grosser Fan von den Künstlerinnen von SXTN. Sie machen es genau richtig, sie drehen den Spiess um und vereinen Hip-Hop mit feministischen Werten. Sie sind die starken Frauen, die sich von niemandem etwas sagen lassen und dann rappen: «Du willst mich ficken, aber das darfst du nicht.» Das ist super! Hip-Hop ist eine Matcho-Kultur, das kann man nicht schönreden. Aber man kann beobachten, wie Rapperinnen erfolgreicher werden und das finde ich echt toll. Die Künstlerin Loredana zum Beispiel ist sehr talentiert und bei ihr steht nicht zur Diskussion, dass sie eine Frau ist. Und das ist auch richtig so. Ist doch völlig klar, dass Frauen gleich gut rappen können wie Männer!

Würden das Ihre Leser auch so unterschreiben?
Es gibt immer Idioten und die haben auch wir als Leser, aber das gibt es bei jedem Medium. Es gibt Männer, die finden, Frauen dürfen nicht rappen. Ich finde das Quatsch. Darum machen wir übrigens im Juni das erste Female-Rap-Festival in der Schweiz, wo nur Frauen auftreten.

Sie würden also sagen, dass Sie Frauen im Lyrics Magazin fördern?
Ich hätte es am liebsten, dass es keine Diskussion mehr darüber gibt, ob eine Frau oder ein Mann auf der Bühne steht. Ich will aber keine Frauen supporten, nur weil sie Frauen sind, das finde ich auch sexistisch, weil man sie dann auf ihr Geschlecht reduziert. Meine Mutter sagt mir zum Beispiel immer: Elia, jetzt gibt es 16 Lyrics-Ausgaben und es gab noch keine Frau auf dem Cover.

Und was antworten Sie dann Ihrer Mutter?
Dass ich nur eine Frau aufs Cover nehme, wenn sie es verdient hat.

Und bis jetzt hat es noch keine verdient?
Wir haben eine Formel beim Lyrics Magazine, die sich aus drei Kriterien zusammensetzt: Qualität, Relevanz, Potenzial. Eine Künstlerin oder ein Künstler schafft es in unserem Magazin, wenn sie oder er eines der drei Kriterien erfüllt.

Und keine Schweizer Rapperin erfüllt eines der drei Kriterien? Das kann ich kaum glauben.
Doch Danitsa. Und die müssen wir auch unbedingt aufs Cover nehmen. Aber man muss wirklich beachten, dass es in der Schweiz Hunderte männliche Rapper gibt und nur etwa zehn Rapperinnen.

Wäre es nicht an der Zeit ein Zeichen zu setzen mit einer Frau auf dem Cover? Das hätte auch Vorbildcharakter, womit wir wieder bei der Verantwortung als Magazin wären…
Das stimmt. Und es braucht solche Vorbilder, es braucht viel mehr Danitsas! Man hat es lange in der Branche verpennt, mehr Awareness zu schaffen, aber genau das versuchen wir mit dieser Ausgabe.

Die neuste Ausgabe des ist ab jetzt im Handel erhältlich. 

Elia Binelli (23) ist Chefredaktor des Hip Hop Magazin Lyrics. 

 

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