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1 Monat ohne Netflix

Text & Video: Viviane Stadelmann

Feierabend – einschalten, abschalten? Schön wärs. Was passiert mit dem Alltag, wenn Bingewatching plötzlich keine Option mehr ist? Unsere Autorin hat einen Monat ohne Netflix, Filme und Serien verbracht.

Es gibt ja Selbstversuche, da freut man sich als Journalistin drauf. Grundsätzlich neugierig, immer auf der Suche nach dem wahren Leben, den ehrlichen Empfindungen, den absurden Situationen – das bekommt man kaum so direkt ins Gesicht geschleudert, wie wenn man sich wagt, mittendrin, statt nur dabei zu sein: bei einem Selbstversuch. Man kann neue Kurse testen und im besten Fall dazulernen, man kann sich banalen Alltäglichkeiten stellen, wie eine Zeit lang auf Alkohol zu verzichten und sich selbst dabei trotz der unbequemen Testperiode einen Vorteil schönreden. Schliesslich springt auch da etwas für einen raus: seine Gesundheit. Der selbstoptimierungswillige Millennial freut sich, die Leber sowieso. Und dann gibt es Selbstversuche, die die Redaktionskolleginnen mit hinaufgezogenen Augenbrauen kommentieren: «Auweia, wer musste denn da durch?» Selbstversuche, die einfach nur ganz schön hart und ganz schön langweilig zu versprechen werden. Wie ein Monat ohne Netflix.

Sieben Dinge, die ich bei meinem Entzug gelernt habe:

(Black) is the new (Orange)

Wie Piper, die in der Netflix-Serie «Orange is the new Black» plötzlich im Gefängnis landet und dort vom harten Alltag unter Kriminellen überrascht wird, kann auch ich mich auf diese Reise ins Ungewisse keineswegs vorbereiten. Netflix, Serien und Filme hatten mir bis dahin gute Dienste erwiesen: Bei Kummer gab es Komödien, bei Langweile Thriller, für die vermeintliche Bildung eine Dokuserie. Ich habe schon beim Zähneputzen, beim Kochen, beim Aufräumen, in allen erdenklichen Verkehrsmitteln und mit Sicherheit auch schon auf der Toilette auf den flimmernden Bildschirm geschaut. Mein Laptop nahm selbstverständlich den Schlafplatz meines Freunds im Bett ein, wenn er nicht da war. Fremde Stimmen plapperten mich in den Schlaf; wenn ich zu müde war, brauchte ich nur den Bildschirm runterzuklappen. Die ersten Tage bin ich überfordert mit der neuen Stille neben mir. Ich höre Musik und scrolle endlose Stunden in Onlineshops. Ich kaufe mir Hörbücher, löse ein Abo bei Audible, lese viel. Bloss: Im Gegensatz zu Filmen sind Bücher und Hörbücher richtiggehend einschläfernd. Kein Cliffhanger, kein Pistolenschuss, kein Gezeter. Wo vorher ein oranger Schriftzug aufleuchtete, ist es neuerdings bereits um zehn Uhr schwarz. Lektion Nr. 1: Kein Netflix heisst erst mal mehr Schlaf.

Chef's Table

Vor noch nicht langer Zeit entdeckte ich das Kochen für mich. Ich schnetzelte also in aller Ruhe Gemüse und schaute nebenher Dokus, eine beruhigende Kombination. Auf einmal stehe ich tatsächlich nicht mehr gern in der Küche. Die Gerichte müssen schnell gehen. Mehr als eine Pfanne benutzen? Keine Lust. Aber dann entdecke ich Podcasts, denen ich wirklich gern zuhöre. Ein Kollege empfiehlt mir die «Long Reads» vom «Guardians» (auf Spotify). Erinnern Sie sich noch an den kindlichen Triumph, wenn man sein Gspänli ausgetrickst hatte, um an sein Spielzeug zu kommen? Ich freue mich schelmisch und notiere Lektion Nr. 2: Wenn dir etwas weggenommen wird, finde ein Substitut.

The Rain

Und dann kommt der Regen. Wenn vor dem Fenster tristes Grau die Sicht versperrt und die einströmende kalte Luft jede Lust auf Freizeitunternehmungen im Keim erstickt, WILL MAN EINFACH NUR FILME SCHAUEN! Von Podcasts und Hörbüchern will ich nichts mehr wissen. Dasselbe gilt übrigens für Hangover und Erkältungen. Das Frustpotenzial ist gross, einen Ausweg gibt es nicht. Lektion Nr. 3: Netflix-Entzug besser nicht im Herbst starten.

House of Cards

Was tun, wenn das schlechte Wetter anhält? Wir veranstalten einen Spieleabend mit Freunden. Endlich wieder menschliches Drama! Mit meiner Ungeduld gehe ich allen auf die Nerven, sie sollen sich bitte schneller Begriffe ausdenken. Nach der zweiten Runde und lang nach Mitternacht will ich noch nicht aufhören. Mein Freund vertröstet mich auf den nächsten Tag, wir könnten ja im Laden neue Brettspiele für zwei Spieler suchen gehen. Lektion Nr .4: Es gibt keine wirklich guten Spiele für zwei Personen.

Mindhunter

Irgendwann fängt das Hirn an umzuschalten. Eine halbe Stunde misst sich nicht mehr in einer Folge. Stattdessen verplant man selbst kurze freie Zeitfenster. Ich muss erst in einer Stunde los zum Treffen? Ich könnte ja noch eine Wäsche machen und das Altpapier bündeln. Es ist erst neun Uhr abends? Eine Runde joggen oder Yoga liegt noch drin. Der Kopf findet ganz automatisch sinnvolle Alternativen. Eine des Northern California Institute for Research and Education zeigt: junge Erwachsene, die über 20 Jahre hinweg täglich vier oder mehr Stunden durchs Fernsehprogramm zappen, haben im mittleren Lebensalter ein signifikant geringeres Volumen der grauen Substanz als solche mit moderatem oder geringem Fernsehkonsum. Nicht, dass ich vorher dieses Pensum erreicht hätte – aber ich fühle mich produktiv, effizient und fit. Lektion Nr. 5: In 24 Stunden passt ganz schön viel rein.

Strange(r) Things

Es passieren seltsame Dinge: Ich bekomme eine Aversion gegen Unnützes, besonders gegen das planlose Starren auf Bildschirme. Warte ich aufs Tram, sehe ich nur noch Menschen und ihre Daumen, die rastlos über Smartphone-Oberflächen wischen. Social Media, allen voran das stundenlange Scrollen durch Instagram, machen mich richtiggehend wütend. Wie besser sie doch ihre Zeit nutzen könnten! Ich werde zum Effizienz-Snob. Ich verhänge meinem Freund ein Social-Media-Verbot, wenn er mit mir Zeit verbringt. Das kommt nicht gut an. Lektion Nr. 6: Eine zwanghafte Regulierung kommt selten allein.

Master of (n)one

Schliesslich kommt der letzte Tag. Stürze ich mich gleich auf Netflix? Nein. Tatsächlich verstreichen noch zwei Tage, bis ich auf den Knopf drücke. Ich bin überrascht, als ich sehe, dass Netflix die Anzeigebilder geändert hat. Ich fühle mich, als hätte ich etwas gemeistert aber was denn eigentlich? Mit dem Wegfallen des passiven Zuschauens nutzt man seine Zeit bewusster. Man lernt wieder, sich zu beschäftigen. Nach dem Entzug überlege ich nun einen Moment länger, bevor ich eine Serie einschalte. Am Ende ist es nämlich grössenteils bloss eine Gewohnheit, die einem durch ihre Regelmässigkeit einen behüteten Alltag suggeriert. Nur manchmal, da sehnt man sich wirklich danach, den eigenen Gedanken zu entkommen. Statt einfach mal abzuschalten, schweift man ab und ertappt sich dabei, wie man ständig sinnlose Sachen googelt. Lektion Nr. 7: Wussten Sie, woher das Flix in Netflix stammt? Es stammt von Flicks, einem Synonym für Film. Netflicks wäre aber ganz schön unsexy gewesen, nicht?

Viviane Stadelmann

Die stellvertretende Online-Leiterin liebt die grenzenlosen Möglichkeiten der digitalen Welt. Sie schreibt besonders gern über die kleinen und grossen Absurditäten des Alltags, genauso wie über Mode, Literatur und Kunst.

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