Tipps der Kulturredaktion

Diese Bücher lesen wir über die Festtage

Redaktion: Frank Heer, Claudia Senn; Text: Dietrich Roeschmann, Sacha Verna; Fotos: Walter Pfeiffer / ProLitteris, Zürich (1), Getty Images (1)

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Ob als Last-minute-Geschenk oder für sich selbst, Bücher machen sich immer gut unter dem Weihnachtsbaum. 

Weihnachtliche Sturmfront

Drei Menschen brettern in einem Schützenpanzer auf der dänischen Insel Bornholm durch einen historischen Schneesturm: Ole, ein Reporter auf dem absteigenden Ast. Eric, ein Möchtegern-Held mit dem angeblichen Auftrag, die dritte Passagierin, die Hebamme Tamara, zu einer Schwangeren zu bringen. Alle glauben, den Durchblick zu haben, keiner kennt sich selbst. Sascha Reh spinnt aus verrutschten Männerrollen, weiblichen Sehnsüchten und Situationskomik eine Weihnachtsgeschichte der anderen Art, die auch im nächsten Sommer noch bieten wird, was sich zurzeit die meisten wünschen: eine prächtige Bescherung.

 

– Sascha Reh: Aurora. Verlag Schöff ling & Co., Frankfurt a. M. 2018, 182 Seiten, ca. 30 Franken.

Tief ins Glas geschaut

Sucht-Memoiren folgen meist demselben Muster: Abstieg, Tiefpunkt, Genesung. Nicht so «Die Klarheit». Ein Grund dafür ist, dass Leslie Jamisons dunkelste Zeiten den glanzvollsten im Leben anderer gleichen. Die 45-jährige Bestsellerautorin studierte sich cum laude von Harvard nach Yale, trank sich dabei regelmässig bewusstlos und hatte Sex mit Männern, weil sie zu besoffen war, um Nein zu sagen. Als es nicht mehr ging, besuchte sie das erste von vielen Treffen der Anonymen Alkoholiker. Statt ihren eigenen Fall in eine Erlösungs- geschichte zu verwandeln, wendet sich Jamison einem viel breiteren Thema zu: dem Mythos, wonach der Rausch die Kreativität fördert. Die Jazz-Legende Billie Holiday war in ihren Augen ein kaputter Mensch, und der gefeierte Raymond Carver schrieb nüchtern die besseren Bücher. Man braucht diese Urteile nicht zu teilen, um Jamisons Mut zur Selbstanalyse zu bewundern.

 

– Leslie Jamison: Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung. Hanser-Berlin- Verlag, Berlin 2018, 638 Seiten, ca. 43 Franken

Asiatische Familiensaga

Diese üppige Familiensaga beginnt 1910 in einem koreanischen Fischerdorf und endet 1989 in Tokio. Dazwischen schiessen vier Generationen wie Flipperkugeln durch Leben, Liebe und Leiden, während Mammutthemen wie Krieg, Zugehörigkeit und Glaube menschliche Dimensionen annehmen. Frauen halten diese Welt am Laufen – angefangen mit der 15-jährigen Sunja, die von einem Gangster geschwängert wird. Sie heiratet einen Pastor und emigriert nach Japan, wo sie wie all ihre Landesgenossen als Bürgerin zweiter Klasse gilt. Trotzdem und gegen patriarchalische Proteste baut sie ein Geschäft auf, mit dem sie die Ihren vor dem Verhungern bewahrt. Autorin Min Jin Lee lässt Details sprechen: vom Alltag einer Pensionswirtin im letzten Jahrhundert und dem Geruch gärenden Kohls bis zu den Teenagerritualen in einer Zeit, in der ein Sony-Walkman noch den Gipfel der Technologie darstellte. Ein Wälzer, der Wonnemomente beschert.

 

– Min Jin Lee: Ein einfaches Leben. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2018, 545 S., ca. 37 Fr.

Auf Wanderschaft

Nur wenige haben den Great Himalaya Trail, einen der längsten und schwierigsten Wanderwege, quer durch Nepal absolviert. Der Journalist Peter Hinze hat ihn sogar rennend bewältigt. In seinem Buch berichtet er von seinem Abenteuer, vor allem aber von diesem Land im Umbruch und von seinen Menschen.

 

– Peter Hinze: The Great Himalaya Trail, 1864 Kilometer Trailrunning durch eine bedrohte Welt in Nepal. Knesebeck-Verlag 2018, 288 Seiten, ca. 52 Fr.; Infos: greathimalayatrailrun.com

Der Favorit von Reportagen-Leiter Sven Broder: «A Single Year»

Englisch war nie meine Stärke. Als ich mal zu spät ins Klassenzimmer trat und der Lehrer fragte: «Sven, what’s the matter?», antwortete ich: «Luzia.» Ich meinte echt, er hätte mich gerade auf meine Mutter angesprochen. Und irgendwie so habe ich jahrelang auch englische Songs gehört – und verstanden. Sagen wir mal: sehr assoziativ. Vielleicht mag ich auch deshalb das Projekt «A Single Year» von Andrea Münch und Markus Läubli so sehr. 2017 gestaltete das Grafikerduo von Weicher Umbruch jeden einzelnen Tag ein grafisch reduziertes Single-Cover zu einem Song ihrer Wahl. Zu sehen auf «Save Me» von Aretha Franklin zum Beispiel: ein schlichter Einwegrasierer. Ich verstand. Auf Anhieb. Die 365 Cover sind nun als Buch erhältlich.

 

– Weicher Umbruch: A Single Year. Limitierte Erstauf lage von 500 Stück, 50 Fr. Vorbestellung: asingleyear.ch

Nein, sie will nicht

Margi will nicht heiraten. Vor dem Zimmer, in dem sich die Braut verbarrikadiert hat, versammeln sich die entgeisterten Angehörigen, während im Festsaal bereits die Hochzeitstorte und Stühle für fünfhundert Gäste warten. Zu Wort kommen der zurückgewiesene Bräutigam, der über das Wesen der Liebe nachdenkt. Die Mutter, die verlorene Kinder und verlorenes Geld beklagt. Die Wohl-doch-nicht-Schwiegereltern, ein zwielichtiger Cousin und die Grossmutter, die entweder senil ist oder mehr weiss als alle anderen. Bloss Margi bleibt stumm. Ein tragikomisches Kammerstück über komplizierte Zwischenmenschlichkeiten.

 

– Ronit Matalon: Und die Braut schloss die Tür. Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer, Luchterhand-Verlag, München 2018, 160 Seiten, ca. 28 Franken

Walter Pfeiffer

Er ist bekannt für seine grellen, intimen, erotisch aufgeladenen Modefotografien. Aber er ist auch seit jeher ein leidenschaftlicher Zeichner. Lange angekündigt, liegt jetzt endlich eine Auswahl seiner Arbeiten auf Papier in gebundener Form vor. Ein opulentes Bilderbuch über Katzen, Blumen, Boys und Freunde im Rausch der Farben. Fresh!

 

– Walter Pfeiffer: Bildrausch. Drawings 1966–2018. Edition Patrick Frey, Zürich 2018, ca. 78 Franken, editionpatrickfrey.com

Zwischen Weihnachtsbaum schmücken und Guetsli essen haben wir über die Festtage auch mal wieder Zeit für unsere Lieblingsbeschäftigung: Lesen. Die passenden Bücher dafür stellen wir in der Bildergalerie vor. 

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