Heft 04/15

Iraqi Odyssey: Interview mit dem Filmemacher Samir

Interview: Helene Aecherli; Fotos: Jasmin Alzubadi (1)

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1958er Revolution

1958er Revolution

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Für seinen neuen Film «Iraqi Odyssey» bereiste Samir die Heimat seiner Familie. In Bagdad, sagt der Filmer, sei trotz Unsicherheit und Terror Aufbruchstimmung zu spüren.

Hört man Irak, denkt man an die Terrorgruppe IS und an Selbstmordattentate. Wo befindet sich der Irak auf seiner Odyssee?
SAMIR: Gute Frage. Ich wage zu behaupten, dass trotz Terrorgruppe und Bombenattentaten zumindest in Bagdad Aufbruchstimmung herrscht. So ist eine Mittelschicht herangewachsen, deren Jugend mir Hoffnung gibt. Sie ist ungeheuer kreativ und beginnt, sich die Stadt zurückzuerobern. Wenn ich die Bilder sehe, die meine Cousins auf Facebook posten, staune ich. Die zeigen, wie sie mit Freunden feiern, auf öffentlichen Plätzen, auf Strassen und Brücken.

Was ist die Ursache für diese Wende?
Die Menschen haben keine Angst mehr. Das ist, was mich bei meinem letzten Besuch am meisten erstaunt hat. Ich stand an Checkpoints, wo ich beobachtete, wie einfache Menschen mit einem schwer bewaffneten Polizisten stritten, ja ihn sogar am Kragen packten und anschrien. Während der Diktatur unter Saddam Hussein machte man schon einen Kilometer vor den Checkpoints vor Angst in die Hosen und kroch vor dem kleinsten Polizisten im Sand. Diese Angst ist weg. Heute kann man wählen gehen, man darf sagen, wenn Unrecht geschehen ist, kann sich an einen Richter wenden. Dies zeigt auch, dass die Fundamentalisten auf die Dauer keine Chance haben werden.

Sie sagen, dass die Jungen ungeheuer kreativ seien. Haben Sie ein Beispiel dafür?
Es gibt eine Initiative, die nennt sich «Jeder muss ein Buch lesen». Die Jungen tauschen Bücher aus, lesen sie einander vor oder verschenken sie. Wichtig ist einfach, dass es kein religiöses Buch ist. Das finde ich grossartig. Aber da ist noch etwas.

Das Erdöl?
Ja. Es gab im Irak zwar noch nie so viel Armut wie heute, gleichzeitig habe ich in Bagdad noch nie so viele SUVs gesehen. Trotz sinkender Preise wirft das Erdöl jedes Jahr hundert Milliarden Dollar ab. Damit hätte man in Bagdad schon längst das modernste Elektrizitätsnetzwerk, U-Bahnen und Schnellzüge bauen können. Das Geld aber fliesst zum grossen Teil in die Taschen der Eliten.

Wie beeinflusst dieser Geldfluss die Gesellschaft Bagdads?
Seine Macht wird alles umwälzen, wie in Moskau. Auch dort haben Designerläden die sozialistische Tristesse vertrieben. 2010 rumpelten wir auf der einstigen Prachtstrasse Bagdads vor uns hin. Da tauchte ein Glaspavillon auf, hinter dessen Auslagen wir Frauen in Kostümen und Männer in Anzügen erblickten. «Ermenegildo Zegna» stand über dem Eingang. Es war also eine Filiale des italienischen Edelmodelabels. Es kam mir vor, als hätten wir eben ein Ufo gesehen.

Es bildet sich also eine reiche Oberschicht.
Ja, wobei eben auch eine Mittelschicht heranwächst, da es Ärzte, Ingenieure und Lehrer braucht, um eine Zivilgesellschaft aufzubauen. Doch zerfallen alle Institutionen; Schulen, Spitäler, Universitäten werden privatisiert. Da wächst eine Gesellschaft US-amerikanischer Prägung heran.

Gut vier Millionen Iraker leben auf der Welt verstreut, ähnlich wie viele Ihrer Familienmitglieder. Wie schätzen Sie deren Einfluss auf die Geschehnisse im Irak ein?
Das wird sich weisen. Langsam bildet sich unter Intellektuellen über soziale Medien ein Netzwerk, und man beginnt, Ideen auszutauschen. Ich glaube jedoch, die Macht des kapitalistischen Systems wird stärker sein als die Macht der Ideen.

Wie gross ist Ihre Hoffnung für die Zivilgesellschaft des Irak?
Ich bin optimistisch. Doch bin ich nicht sicher, ob es die jungen Iraker noch zu meinen Lebzeiten schaffen werden, eine moderne Zivilgesellschaft aufzubauen. Ich hoffe aber, mit meinem Film dazu beizutragen.

— Der Film «Iraqi Odyssey» des irakisch-schweizerischen Filmemachers Samir ist eine Auseinandersetzung mit der jungen Vergangenheit des Landes, die durch Revolutionen und Kriege geprägt ist. Ein berührender Film, der überraschende Einblicke und Zusammenhänge beschert. Ab 5. März im Kino. Am 21. März hat der Film in Bagdad Premiere.

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