Breakdancerin Jazzy Jes

«Ich habe mehr Biss, wenn ich gegen einen Mann antrete»

Interview: Leandra Nef; Foto: zvg

Jazzy Jes

Am weltweit grössten Breakdance-Battle gabs zum ersten Mal eine eigene Kategorie für Frauen. Was das Thuner B-Girl Jazzy Jes davon hält – und warum das Ungleichgewicht der Geschlechter beim Breakdance für sie auch Vorteile hat.

Baggy Pants, grosse, runde Ohrringe, weisses Béret – ihr Markenzeichen. Das muss Jazzy Jes sein. Vermutlich hätte ich sie auch ohne ihre Kopfbedeckung sofort erkannt, sonst stehen nämlich fast nur Jungs rum. Die fuchteln wild mit den Armen und finden grad irgendetwas «fresh». Obwohl: Genau genommen sind es nicht einfach Jungs, es sind B-Boys, Break Boys. Und die Mädels B-Girls.

Ich befinde mich im Breakdance-Mekka. Das liegt – zumindest für ein paar Tage – in Zürich-Altstetten. Genauer in der Veranstaltungshalle Komplex 457, wo die Vorausscheidungen zum BC One World Final stattfinden, der weltweit grössten und renommiertesten 1:1-Battle im Breakdance. Und weil der BC One zum ersten Mal seit seiner Gründung im Jahr 2004 eine Battle-Kategorie exklusiv für Frauen anbietet, bin ich mit Jazzy Jes verabredet.

Die 30-jährige Thuner Breakdancerin heisst eigentlich Jessica Rieben. Sie tanzt seit ihrem elften Lebensjahr, ist Mitglied der legendären New Yorker Breakdance-Gruppe Rock Steady Crew und seit kurzem Besitzerin einer eigenen Tanzschule in Thun, wo sie auch lebt. Am diesjährigen BC One nimmt sie zwar nicht teil, sie veranstaltet im Rahmen des Events aber Workshops.

Mir wird ein Red Bull angeboten, es kann losgehen.

gamevuinhon: Der BC One World Final ist die renommierteste 1:1-Breakdance-Battle der Welt. Zum ersten Mal seit der Gründung 2004 gibt es eine Kategorie für Frauen. Warum erst jetzt?
Jazzy Jes: Gute Frage. Und ehrlich: Ich weiss es nicht. Noch wichtiger ist jedoch die Frage, warum es bei den normalen B-Boy-Battles, die seit je auch den B-Girls offen stehen, kaum Frauen in die Schlussrunden schaffen. An den Qualifikationen für den BC One haben schon immer Frauen teilgenommen – aber es musste 2017 werden, bis das erste B-Girl den Einzug in den Final geschafft hat. Warum erst jetzt?  

Weil Frauen schlechtere Breakdancer sind?
Ganz und gar nicht! Es gibt ja nicht erst seit zwei Jahren Frauen im Breaking. Sie stehen schon lang an der Frontline, sind zum Teil besser als B-Boys. Ich habe schon oft nach einer gemischten Battle gedacht: «Die Frau hat viel bessere Moves gezeigt.» Und trotzdem hat der Mann den Preis nachhausegenommen.

Also liegt es an den Juroren?
Es läge zumindest an ihnen, dieses Missverhältnis auszugleichen. Das Problem ist, dass es bei den Battles kein einheitliches Bewertungssystem gibt. Klar, alle Judges sind qualifiziert und versuchen, jeden Teilnehmer objektiv zu beurteilen – ein Move kann technisch klappen oder nicht. Aber letztlich ist Breaking eben kein Sport, den man nach Punkten bewerten kann. Breaking ist eine Kunstform. Und Kunst ist immer auch Geschmacksache.

Ein Geschmack, den die Frauen scheinbar nicht treffen …
Vielleicht wäre das anders, wenn mehr weibliche Judges zu den Battles eingeladen würden. Ich glaube, dass Frauen bei der Bewertung intuitiv auf andere Punkte schauen als Männer. Uns ist vermutlich das Tänzerische wichtiger, dass die Moves zur Musik passen. Da fällt mir gerade eine zweite Premiere des letztjährigen BC One ein: Es war auch zum ersten Mal eine Frau als Judge dabei. Wenn man sich dieses Jahr die Judge-Line-ups der kleineren Events anschaut, entdeckt man tatsächlich ab und zu ein B-Girl. Es tut sich was.

Sie sprechen erstaunlich gelassen über das bisherige Ungleichgewicht der Geschlechter.
Ehrlich gesagt glaube ich, dass wir uns dieses Missverhältnisses lang nicht bewusst waren. Es war normal, wir kannten es nicht anders. Erst jetzt, da auch B-Girls ins Rampenlicht rücken, merke ich, dass das schon viel früher hätte passieren müssen. Vielleicht hat es mich auch nicht gestört, weil ich mich in der Szene trotz allem schon immer sehr wohl und respektiert gefühlt habe – von den B-Girls, aber auch von den B-Boys. Wann immer ich einen guten Auftritt hingelegt hatte, kamen sie hinterher zu mir und sagten: «Das war fresh.» Niemand hat mir je etwas missgönnt. Aber ich stand mir oft selbst im Weg.

Inwiefern?
Ich war sehr schüchtern und harmoniebedürftig. In dieser Szene musst du dich aber in die Mitte stellen können und sagen: «Ich bin die Beste!» Das musst du zu 100 Prozent glauben. Mit den Jahren konnte ich ein Selbstbewusstsein aufbauen, aber manchmal struggle ich noch heute mit dieser Hier-bin-ich-Haltung. Ich glaube, das ist etwas, das vielen Frauen in der Szene Probleme bereitet. Ich merke das schon bei den Kleinen.

Sie sprechen von Ihren Tanzschülerinnen?
Genau. Ich musste an meiner Schule extra eine Girls-only-Klasse einführen, weil die Mädchen verunsichert waren und sich geschämt hatten, vor den Jungs zu tanzen. Eigentlich doof, aber so konnte ich ihnen wenigstens das Breaken näherbringen.

Woher kommt diese Angst?
Ich glaube, sie manifestiert sich aufgrund fehlender Vorbilder. Darum finde ich es auch wichtig, dass es am BC One nun eine Battle-Kategorie exklusiv für Frauen gibt. Bisher hatten viele gedacht: «Da schaff ichs nie hin, das ist nur für Boys.» Jetzt ist es für junge B-Girls ein echter Ansporn, Frauen an der Frontline sehen – als Tänzerinnen, aber auch als Judges, als Hosts, als DJanes. Es inspiriert sie zu sehen, was sie erreichen können.

Abgesehen vom Selbstvertrauen: Gibt es denn technische Unterschiede in den Tanzstilen von B-Boys und B-Girls?
Der weibliche Körper ist selbstredend anders gebaut als der der Männer. Wir müssen beispielsweise ständig aufpassen, dass wir die Hüfte während der Moves nicht zu nah am Boden haben – unser Körperschwerpunkt liegt anders als bei Männern. Aber es gibt auch Vorteile.

Die da wären?
Ich bin kein Girlie, aber ich darf mit meinen weiblichen Vorzügen spielen und sie einsetzen: mich tänzerisch bewegen, mit den Haaren spielen, mit den Händen dem Körper entlangfahren, meinen Charme einsetzen. Die Boys wissen in gemischten Battles oft nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Battlen Sie darum lieber gegen Jungs? Weil Sie diesen Trumpf ausspielen können?
Nein, damit hat das nichts zu tun. Ich habe mehr Biss, wenn ich gegen einen Mann antrete. Ich denke dann: «Dir werd ichs zeigen!» Bei einer Battle gegen eine Frau vergleiche ich mich dagegen eher, es ist ernster. Und natürlich: Ich bin es mich einfach gewohnt, gegen B-Boys zu battlen, weil es bisher so viel mehr von ihnen gab. Aber das wird sich nun ja hoffentlich ändern.

Breakdance entstand in den 1970er-Jahren als Teil der Hip-Hop-Bewegung. Während sich zunächst vor allem afroamerikanische Jugendliche in den Strassen New Yorks damit ausdrückten, ist Breakdance heute eine weltweit verbreitete Tanzform. Der Red Bull BC One World Final fand am 29. September im Zürcher Hallenstadion statt. 

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