Das Kompliment

Liebe Emma Watson

Text: Leandra Nef; Foto: GettyImages

Emma Watson

Zum ersten Mal gesehen habe ich Sie 2001. Nicht in echt zwar, dafür in übergross, auf sieben mal drei Metern, während ich meine Finger tief in eine Tüte mit klebrigem Zuckerpopcorn grub und mein 8-jähriges Ich vor Vorfreude und Spannung auf den Film, der gleich über die Leinwand flimmern würde, fast platzte. Unter diesen bestechenden Voraussetzungen hätten Sie unsere erste Begegnung vermutlich kaum vermasseln können. Ihr eindrucksvolles cineastisches Debüt als Hermine Granger in der allerersten «Harry Potter»-Verfilmung bestätigte mir aber, dass meine Bewunderung für Sie nicht nur meinem hohen Dopaminspiegel jenes Nachmittags, sondern vor allem Ihrem Talent geschuldet war. Ich wollte so sein wie Sie. So klug und cool und ein bisschen übernatürlich.

Dass Sie einen eindrucksvollen Auftritt hinlegten, fanden auch andere, wichtigere Leute. Sie wurden ein Jahr später als beste Jungschauspielerin ausgezeichnet. Es folgte eine beeindruckende Karriere, die bis heute anhält. Nebenbei absolvierten Sie einen Bachelor-Studiengang in englischer Literatur an der renommierten Brown University in den USA. Und während andere Mühe haben, solche Erfolge in ein ganzes Leben zu packen, können Sie mit Ihren 28 Jahren vermutlich nur müde darüber lächeln. Hollywoodschauspielerin? Absolventin einer Elite-Uni? Peanuts. Den Grossteil Ihrer Zeit investieren Sie in Ihre Rolle als Kriegerin im Kampf um Gleichstellung und mehr Gerechtigkeit.

Sie sind Feministin. Nicht unbedingt von der selbstinszenierenden, barbusigen Ratajkowski-Sorte. Schliesslich finden Sie, so sagten Sie einst, das Konzept der Sexiness verwirrend. Ihr Credo läuft dem von Emily Ratajkowski vermutlich diametral entgegen: «The less you reveal the more people can wonder.» In Ihren Social-Media-Accounts finden sich darum auch kaum Selfies und private Schnappschüsse, sondern vor allem Spendenaufrufe für Gleichstellungsprojekte, Hinweise zu Frauenbewegungen und Kampfansagen an die Ungerechtigkeiten, die Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts auch heutzutage noch viel zu häufig widerfahren. Ohne eine der Strategien favorisieren zu wollen, ist klar: Sie verwenden Ihre Energie weniger aufs Auffallen als aufs Anpacken.

Und anpacken, das können Sie. Als Uno-Sonderbotschafterin für Frauen- und Mädchenrechte haben Sie die Kampagne HeForShe mitentwickelt, die Männer stärker in den Kampf für Frauen- und Mädchenrechte einbinden möchte. Sie standen an vorderster Front, als es bei der Time’s-Up-Bewegung galt, sich für sexuell Belästigte stark zu machen. Sie engagieren sich für eine verbesserte Schulbildung bei Mädchen in Drittweltländern, machen weiblichen Flüchtlingen Mut, setzen sich für bessere Karrierechancen von Frauen ein – und werden gleichzeitig nie müde zu betonen, dass Emanzipation und Gleichstellung auch Männern helfen muss, aus einem starren Rollenbild ausbrechen zu dürfen.

Kurz: Sie setzen sich für alles und alle ein, die eine Stimme brauchen. Kaum eine andere nutzt ihren Erfolg so gezielt für die Belange, die Aufmerksamkeit um ihre Person so kontinuierlich für die Anliegen anderer. Und auch wenn ich Zuckerpopcorn heute nicht mehr mag, so hat sich eines in all den Jahren nie geändert: Mein Wunsch, ein kleines bisschen so zu sein wie Sie. So klug und cool und sehr, sehr engagiert – und in meinen Augen noch immer ein bisschen übernatürlich.

Herzlich – und vielleicht bis irgendwann in echt,
Ihre Leandra Nef

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