Jetzt im Kino

Warum der Film «Werk ohne Autor» zu reden gibt

Text: Kerstin Hasse; Foto: ZFF 

Werk ohne Autor
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Angelehnt an Gerhard Richters Leben:

Elisabeth zeigt ihrem Neffen Kurt eine Ausstellung zu entarteter Kunst. Nicht zur Abschreckung, sondern als Inspiration. 

Die Filmcrew am Zurich Film Festival

Florian Henckel von Donnersmarck (links) mit Tom Schilling (Kurt Barnert), Saskia Rosendahl (Elisabeth), Sebastian Koch (Prof. Carl Seeband)

Grosses Kino:

Oliver Masucci spielt Professor Antonius van Verten, ein Joseph-Beuys-Verschnitt, der Kurt Barnert dabei hilft, sich künstlerisch zu finden.

Heute startet der Film «Werk ohne Autor» in den Schweizer Kinos. Das neuste Werk von Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck gilt als Oscar-Anwärter – ist aber bei Kritikern nicht unumstritten. 

Es ist nicht irgendein deutscher Film, der heute in den Schweizer Kinos anläuft. «Werk ohne Autor» ist die Oscar-Hoffnung des deutschen Kinos. Das ist keine naive Hoffnung unserer Nachbarn – immerhin hat der Regisseur, Autor und Produzent des Werks, ein Mann mit dem stattlichen Namen Florian Henckel von Donnersmarck, mit seinem Film «Das Leben der Anderen» vor zwölf Jahren schon mal an den Academy Awards abgeräumt. Ausserdem lebt der 45-Jährige mit seiner Familie in Hollywood – dort, wo das ganz grosse Kino gemacht wird, und es scheint, als hoffe man in Deutschland, dass das ein wenig auf den Regisseur abfärbt.

Das neuste Werk von Henckel von Donnersmarck ist aber nicht unumstritten. Vor allem die deutsche Presse spart nicht an Kritik. Bevor wir das aufdröseln, erste mal eine kurze Zusammenfassung, worum es überhaupt geht:

Der Film erzählt die Geschichte von Kurt Barnert, einem Jungen, der während des Zweiten Weltkriegs in Sachsen aufwächst. Schon als kleiner Bub malt Kurt gern und dieses kreative Talent wird vor allem von seiner Tante Elisabeth gefördert. Doch weil Elisabeth schizophrene Züge an den Tag legt, wird sie von den Nazis weggesperrt. Im Rahmen des  «Euthanasie»-Programms der Nazis wird Elisabeth ermordet. Einige Jahre später, Kurt ist mittlerweile Bürger der DDR und geht an die Kunsthochschule, läuft er einer jungen Frau über den Weg, die ihn sehr an seine Tante erinnert – und die, wie es der Zufall will, ebenfalls Elisabeth heisst. Kurt verliebt sich in sie und sie sich in ihn. Was er nicht weiss: Sein künftiger Schwiegervater ist nicht nur Gynäkologe, sondern war auch ein stolzer Nazi und Teil des «Euthanasie»-Programms, das seiner Tante den Tod brachte. Barnert flüchtet mit seiner Frau in den Westen, um endlich die Kunst zu machen, für die er bestimmt ist. Die dunkle Vergangenheit seines Schwiegervaters verfolgt ihn aber weiter.

Soweit die Storyline. Doch warum ist der Film so umstritten? Zum einen liegt das daran, dass der Film ungefähr das Leben von Gerhard Richter erzählt, einem der erfolgreichsten Künstler unserer Zeit. Mehrere Kritiker bezichtigten Henckel von Donnersmarck, er habe sich der Lebensgeschichte Richters frech beraubt. Das stimmt allerdings nicht. Der Regisseur hat sich einen Monat lang täglich mit Richter getroffen und ihn und seine Frau interviewt. Gegenüber dem «Spiegel» erklärte er, dass Richter und er sich darauf geeinigt hätten, dass sie niemandem verraten würden, welche Szenen des Films der Realität entsprechen, und welche nicht.

Zum anderen wird die Tatsache kritisiert, dass Henckel von Donnersmarck sich in seinem Werk auf die Rolle der Deutschen im Zweiten Weltkrieg konzentriert. Man sieht zum Beispiel in einem dramatischen Zusammenschnitt, wie Kurts Tante Elisabeth vergast, Dresden bombardiert und die Onkel von Kurt im Krieg erschossen werden. Auch wenn die Szene an Pathos kaum zu übertreffen ist, scheint es unangebracht, dem deutschen Filmemacher deshalb Revisionismus vorzuwerfen. Donnersmarck zeigt das Leiden der Deutschen im Zweiten Weltkrieg – ein Leiden, das unbestreitbar existierte und Tausende Menschen betraf.
Einige Szenen, vor allem in den ersten 30 Minuten des Films, sind brutal. Zu sehen, wie Kurts Tante Elisabeth in die Gaskammer begleitet wird, wie sie vergast wird und tot am Boden liegt, ist nicht einfach zu ertragen. Die NZZ nannte die Szene in ihrer Ausgabe vom 3.Oktober einen Tabubruch. Ja, es ist grauenvoll, was Henckel von Donnersmarck zeigt, aber man muss zugeben, dass es nicht brutaler ist als viele Szenen, die man heute im Kino sieht – etwa in jedem einzelnen Tarantino-Streifen.

Was dem Filmemacher eher vorzuwerfen wäre, ist die Art und Weise, wie er die Frauen in seinem Film inszeniert. Als kleiner Bub malt Kurt eine nackte Frau auf Papier. Bei der einen schönen Malerei bleibt es aber nicht. Die Nackte auf dem Zeichenblock ist erst der Auftakt für viel mehr weibliche Nacktheit die noch folgen soll. Die Kamera schwenkt in zahlreichen, ausgiebigen Einstellungen über den Körper von Ellie, Kurts Freundin und spätere Frau. Das wäre vielleicht weniger problematisch, wenn die Frauen sonst etwas zu sagen hätten. Doch die weiblichen Figuren bekommen kaum Raum in diesem Film, sie bleiben blass – das ist besonders schade, weil sowohl Saskia Rosendahl (Tante Elisabeth) als auch Paula Beer (Elisabeth/Ellie) eine fantastische Leistung zeigen. Die Frau, so kommt es rüber, will eigentlich nur eines: fruchtbar sein und Kinder bekommen. Dann macht alles Sinn. Das Leben, die Kunst, die Beziehung.

Drei Stunden dauert der Film. Drei Stunden voll mit einem brennenden Dresden, einem Hupkonzert von Bussen, mit Sex und grossen Leinwänden, langsamen Pinselstrichen, rauschenden Laubbäumen, mit Todesszenen und mit Geschrei und grossen Gefühlen. Es gibt zwei, drei Momente, in denen man am Schluss glaubt, der Film sei zu Ende, aber jedes Mal legt Henckel von Donnersmarck wieder eine Kurve ein. Die drei Stunden gehen trotzdem schnell um, auch, weil es manchmal auch schön ist, im Kinosessel ein bisschen Pathos und Kitsch zu geniessen. Tom Schilling macht einen prima Job als Kurt Barnert – und zwar, indem er manchmal einfach nichts macht. Es ist keine extreme Rolle, die er spielt, doch er fängt Kurts ruhige, beobachtende Art sehr schön in seinem Spiel ein.

Der Film wurde als deutscher Beitrag für die kommenden Oscars ausgewählt, und zwar in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film. Wer die Academy Awards kennt, weiss, dass Henckel von Donnersmarck mit seinem Drama durchaus Chancen haben dürfte. Nazis, eine kitschige Liebesgeschichte, dazu eine Prise Kunstbiografie – der Film ist wie für Hollywood gemacht. Vielleicht liegt auch genau da das Problem. Während der Regisseur das Stasi-Drama «Das Leben der Anderen» in einer sehr europäischen, zurückhaltenden Herangehensweise erzählte, rührt er in «Werk ohne Autor» ausgiebig mit der Kitschkelle an. Sein Film ist kein einfühlsames, stilles Drama über Gerhard Richter, sondern lautes, durchaus unterhaltsames, Fiction-Kino.

– Der Film «Werk ohne Autor» feierte am Zurich Film Festival Schweizer Premiere und startet heute in den Schweizer Kinos

 

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