Schweizer Macherin

Auszeit in der Eiszeit

Text: Stephanie Hess Fotos: Braschler/Fischer

Auszeit in der Eiszeit
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Ihr Fachgebiet ist auch Lebensschule: Glaziologin Marijke Habermann, die den Reigen unserer 80 Schweizer Macherinnen eröffnet. Im Hintergrund der Zermatter Findelengletscher, die Basis ihres Projekts «Girls on Ice»

Noch brauchts kein Seil, Steigeisen sorgen für den sicheren Tritt beim Aufstieg am Findelengletscher. Die Drittvorderste ist gamevuinhon-Reporterin Stephanie Hess

Chemikerin Margit Schwikowski (rechts) hat einen Eisbohrer mitgebracht, mit dem die Teenager selber Proben nehmen können.

Gletscherschwund messen und die Resultate festhalten – so geht glaziologische Feldarbeit

Dem Himmel ganz nah: Der morgendliche Blick vom Camp aufs Matterhorn (links) und seine sommerlich kahlen Nachbarn

Bergführerin Carla Jaggi ist am Berg wie im Camp die Frau für alle Fälle – auch für die Blasen an Lisas Füssen

Zum Dessert gibts Vanillecrème mit Pulvermilch, und auch die Pastasaucen kommen aus dem Beutel. Dass alle Abfälle wieder ins Tal getragen werden, versteht sich von selbst

Glaziologin Isabelle Gärtner-Roer zeigt in die Ferne: Bis dorthin reichte der Findelengletscher in alten Zeiten!

Die Walliser Gletscherforscherin Marijke Habermann (35) hat mit «Girls on Ice» ein kostenloses Erlebniscamp für Mädchen in die Schweizer Berge gebracht. Hier erkunden Teenager die ökologischen Herausforderungen, die Wissenschaft – und sich selbst. Eine Reportage aus 2800 Metern Höhe.

Das Eis spiegelt sich in ihrer Sonnenbrille, als Helena (16) in die Knie geht. Sie misst ein dünnes Hölzchen mit einem Lineal. «Vier Zentimeter», sagt sie zu ihren Kolleginnen, deren weiche Teenagergesichter von Daunenkapuzen und Mützen eingefasst sind. Um so viel hat sich die Gletscheroberfläche innerhalb von sechs Stunden abgesenkt, sind Tausende Eiskristalle unter der heissen Sommersonne geschmolzen, zu Wasser geworden, das zusammenfliesst und in einem tosenden Bach von urzeitlichen Tränen ins Tal donnert. «Da wunderts einen ja, dass es Gletscher überhaupt noch gibt!», sagt Lisa, auf einen Eispickel gestützt.

«Nirgends sieht man den Klimawandel von blossem Auge besser als an den träg fliessenden Eismassen in den Bergen – sie ziehen sich zurück wie verletzte Tiere», hat Marijke Habermann, ETH-Physikerin mit Doktor in Glaziologie, tags zuvor beim Vorgespräch in Zermatt gesagt. Der Rückzug der Gletscher ist gut messbar und ebenso sichtbar, an Moränen, die sich bis ins Tal ziehen – einst fassten sie Eis, heute sind sie nur noch glatt geschliffener Fels. Ein idealer Ort, um Girls zwischen 15 und 17 Jahren die sich wandelnde Welt zu zeigen.

Die in Visp VS aufgewachsene Marijke Habermann hatte ihre braunen Haare lose zu einem Dutt gebunden, trug eine warme Wolljacke einer Marke, die Menschen tragen, die sich oft in den Bergen aufhalten, darunter ein sich sanft wölbender Babybauch: der Grund, weshalb sie als Gründerin und Präsidentin von «Girls on Ice Switzerland» dieses Mal nicht mit aufs Eis geht. Drei Wissenschafterinnen – eine Glaziologin, eine Geografin, eine australische Biologin, die das Schweizer Camp, adaptiert, auch in ihrer Heimat durchführen möchte – und eine erfahrene Bergführerin begleiten die neun Teilnehmerinnen auf den Berg.

Dort, auf 2800 Meter über Meer, lässt der Wind die kugeligen Zelte zittern – und mich vor Kälte. Wir sitzen auf Gummimatten im Kreis vor dem Küchenzelt: Annina, Nele, Michelle, Fien, Hannah, Lara, Lisa, Rebekka, Helena. Es ist Hochsommer, und ich trage: zwei Thermoshirts, eine Daunenjacke, eine Windjacke und zwei Hosen. Rebekka sagt: «Tagsüber brennt aber die Sonne ganz schön. Ich will am Ende der Woche braune Haut und weisse Augen habe von der Sonnenbrille, wie eine richtige Gletscherforscherin.» Alle lachen.

Zum Abendessen gibt es Spiralenpasta, die Saucen dazu wurden aus Pulver angerührt. Nach dem Essen stellt sich Hölzchenmesserin Helena vor die Gruppe, sie hatte heute das Ämtli der Forscherin, daneben gibt es weitere, die die Mädchen übernehmen: Sicherheitschefin, Künstlerin, Küchenteam. Hier oben trägt jede Verantwortung. Helena nimmt ihr Büchlein hervor: «Ich habe es ausgerechnet. Schmilzt der Gletscher jeden Tag vier Zentimeter, macht das im Jahr zirka drei Meter. Schmilzt er nur während der drei Sommermonate, sind es siebzig Zentimeter pro Jahr.» Dann lässt sie sich schnell wieder auf die Matte sinken, sie mag das eigentlich nicht so, im Mittelpunkt zu stehen.

Wissenschaftlich erhoben sind diese Daten nicht. Aber es ist eine erste Annäherung an die Feldforschung, ein erster Versuch, die Natur zu vermessen, zu erkunden, zu verstehen. Darum geht es bei «Girls on Ice». Zehn Tage lang erhalten die Teilnehmerinnen hier den nötigen Freiraum dafür, unter Anweisung ihrer Leiterinnen und hochdotierten Besucherinnen wie Margit Schwikowski, Leitende Chemikerin am Paul-Scherrer-Institut, Glaziologin Isabelle Gärtner-Roer von der Universität Zürich oder auch Künstlerin Corinne Weidmann, die den Mädchen den kreativen Zugang zur Natur zeigt. Weit weg vom Alltagslärm, von Schule, Eltern – und Jungs. Männer sind bei «Girls on Ice» nicht zugelassen, nicht einmal zu Besuch. Sogar das Fotografenduo Mathias Braschler und Monika Fischer, das das Camp für gamevuinhon fotografiert, musste sich kurzzeitig aufsplitten. Nur die Frau darf mit.

«Wir haben nichts gegen Männer», hatte Marijke Habermann im Vorgespräch klargestellt. Es gehe ihnen nur darum, einen Rahmen zu schaffen für diese federleichte Atmosphäre, die entsteht, wenn Mädchen unter sich sind. «Anfangs sind einige Teilnehmerinnen noch schüchtern. Dann merken sie, dass sie in dieser geschützten Gruppe ganz einfach sie selber sein können. Viele Mädchen können erst dann zeigen, was sie wirklich im Kopf haben.» Wie hatte sie doch gleich zu Beginn des Gesprächs so schön gesagt: «Man kommt anders vom Gletscher runter, als man hinaufgestiegen ist.»

Nach oben kletterten die Mädchen mit riesigen Rucksäcken, 17 Kilo, so schwer wie ein Kindergärtler. Das Fachmaterial kommt von Sponsoren: Pickel, Steigeisen, Seile und Helme, Zelte, warme Kleider und Essen mussten auf 2800 Meter getragen werden. Dafür blieben Glitzerbodylotion, Deodorant und Wimperntusche im Tal. Ebenso das private Handy, das im Übrigen auch nach vier Tagen keines der Mädchen vermisst, wie sie alle etwas erstaunt feststellen. «Ich hätte es nicht gedacht», sagt Hannah mit den kurzen blonden Haaren. «Nur manchmal würde ich jemandem gern ein Foto zeigen oder ein Lied abspielen.» Insgesamt sieben Stunden sind die Mädchen ins Camp gewandert, haben 1200 Höhenmeter bezwungen. «Ist doch spannend, einmal an die eigenen Grenzen zu gehen», sagt Lisa.

Ein paar Mädchen rennen jetzt halb nackt in den Gletschersee. Der Bergsee bietet in den nächsten acht Tagen die einzige Möglichkeit, sich zu waschen. Ihre Schreie hallen von den kahlen Felsen wieder, hinter denen das Eis schimmert, rissig und graublau. Diese Wassertemperatur, das werden die Mädchen später in einem ihrer wissenschaftlichen Experimente herausfinden, misst zirka 12 Grad.

Nicht nur die Körperpflege, das ganze Camp ist ein Sprung ins kalte Wasser. Die Mädchen hatten vorher alle keine Erfahrung im Bergsteigen, noch nie wissenschaftlich gearbeitet und kannten sich alle nicht. Das lenken die Leiterinnen ganz bewusst – «wir wollen eine möglichst durchmischte Truppe», erklärte Marijke Habermann: Gymi und Sek, Dorf und Stadt, in der Schweiz aufgewachsen oder im Ausland, aus besseren und schlechteren finanziellen Verhältnissen.

Gegründet wurde «Girls on Ice» ursprünglich von Erin Pettit, Glaziologie-Professorin in den USA. Sie startete das Programm vor zehn Jahren in Washington, um Mädchen zu fördern, ihnen Wissenschaft und Feldarbeit näherzubringen, ebenso die zügellose Schönheit der Natur. Marijke Habermann lernte die Professorin während ihres Doktorats in Alaska kennen und baute dort mit zwei anderen Forscherinnen ein zweites Camp auf, das sie mehrmals mitleitete und dessen Online-Bewerbungssystem sie programmierte.

Michelle mit den roten Wangen («Die sind immer so rot») humpelt über die steinige Ebene zu ihrer Toilette. Jede von ihnen hat sich hinter einem Stein eine eigene eingerichtet – mit Plastiksäckchen, die Festeres auffangen, dann verknotet und am Ende vom Berg getragen werden. Von Michelles Füssen stecken nur die Zehen in den Turnschuhen. An den Fersen hat sie offene Blasen, gross wie Fünfliber. «Ich weiss noch nicht, ob ich morgen mitgehen kann auf die Gipfel- wanderung», sagt sie. Um drei Uhr aufstehen. Mit Rucksack, Steigeisen, Pickel, Seil über den Gletscher bis zum Berggipfel. «Eigentlich», sagt sie, «bin ich nicht besonders mutig.» Als sie die Zusage bekam, dass sie im Camp dabei sei, wurde ihr angst und bange. «Ich wollte am liebsten gar nicht gehen.» Und jetzt? Sie lächelt. «Jetzt finde ich, dass es eine sehr gute Entscheidung war.»

Vor dem Küchenzelt steht Fien mit den langen blonden Haaren, albert mit anderen Mädchen herum. Sie umarmt erst Hannah, dann Annina, dann Nele. Und dann, weil sie findet, dass es sonst nicht fair wäre, umarmt sie alle drei Mädchen gleichzeitig. Am ersten Abend im Camp hatte Fien – im Zelt liegend, die anderen schliefen bereits – mit weichem Bleistift in ihr Notizbuch geschrieben: «Im ersten Moment wussten wir noch nichts voneinander. Doch schon nach diesem ersten Tag habe ich das Gefühl, dass wir alle Freundschaft geschlossen haben.»

Fünf Tage später treffen wir uns zum Abschluss des Camps im Paul-Scherrer-Institut wieder; im multidisziplinären Forschungszentrum für Natur- und Ingenieurwissenschaften im aargauischen Villigen, wo Chemikerin Margit Schwikowski arbeitet. Über sie wird das Projekt auch vom Schweizerischen Nationalfonds unterstützt und ist deshalb für die jugendlichen Expeditionsteilnehmerinnen kostenlos.

Beton statt Eis. Parfum statt Schweiss. WC-Schüssel statt Plastiksäckchen. Die Teenies stehen frisch geduscht im Präsentationsraum vor ihren Eltern, um zu zeigen, was sie «on ice» gelernt haben. Weg sind die Daunenjacken, die Mützen, Gletscherbrillen und Wanderschuhe. Jetzt tragen sie wieder Spitzentops, bauchfreie Shirts, Sneakers, Puder, Wimperntusche und das Handy in der Gesässtasche. Und sie erklären mit Powerpoint-Präsentationen und in klaren Worten, wie sie das Gletscherwasser auf seine Sauberkeit untersucht haben. Sie reden über Gletschertische und Schmelze, über Gletschertore, Eiszeit, Messpunkte und Gletscherspalten, in die sie sich behelmt abseilten und deren Wände sie mit dem Eispickel wieder erklommen. Lara erzählt: «Es war wie im Hallenbad dort unten, still und hellblau.»

Michelle hat es trotz der Blasen an den Fersen bis zum Gipfel geschafft. Sie sagt: «Ich habe in den letzten Tagen erst gemerkt, wozu ich fähig bin.»

Helena, die nie so gern im Mittelpunkt stand, sagt: «Ich bin mutiger geworden. Es ist gar nicht so schwierig, neue Leute kennenzulernen.»

Rebekkas Augenpartie hebt sich jetzt immerhin minim von ihrem leicht sonnengebräunten Teint ab.

Und Fien, die Tagebuchschreiberin, findet: «Ich bin irgendwie erwachsener geworden. Und ich bin sehr stolz auf uns alle.» In ihr Büchlein schrieb sie: «Uns verbindet jetzt diese Expedition. Aber ich glaube, dass unsere Freundschaften darüber hinausgehen werden.»

Sie sind ein bisschen anders zurückgekommen, als sie raufgegangen sind.

«Girls on Ice» für Mädchen von 15 bis 17 Jahren findet im Sommer 2019 erneut statt. Infos und Bewerbungen ab 15. Dezember auf . Die Organisatorinnen planen überdies für Juni 2019 ein fünftägiges, adaptiertes Pendant für erwachsene Frauen – «Women on Ice» – mit dem Fokus auf persönlicher Entwicklung und einem Gipfelerlebnis.

 

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Stephanie Hess

Die Redaktorin im Ressort Reportagen interessiert sich für die kleinen Leute und die leisen Abenteuer des Alltags. In ihrer Freizeit liest sie – gern auch Fantasy-Bücher für Kinder.

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