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Ist es antifeministisch, online kostenlose Pornos zu schauen?

Text: Olivia Cassano; Foto: Igor Ustynskyy / Getty Images

 

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Ist es antifeministisch, online kostenlose Pornos zu schauen?

Pornos schauen ist ein Thema, dafür zu bezahlen ein ganz anderes. Im Gegensatz zum Coffee to go oder den neuen Schuhen wird für Sexfilme weniger selbstverständlich Geld ausgegeben. Warum ist das so? 

Wenn Sie bei Google den Suchbegriff free porn eingeben, bekommen Sie rund 2,3 Millionen Ergebnisse angezeigt. Ob Sie Blümchensex mögen oder einen Fetisch haben, BDSM spannend finden oder mal schauen möchten, wie eine Golden Shower aussieht, im Internet finden Sie, wie so häufig, alles. Nur einen Klick entfernt, jederzeit verfügbar und kostenlos.

Obwohl unentgeltliche Internetpornos uns dabei helfen können, unsere Sexualität zu erkunden und anzunehmen, und das ja erstmal etwas sehr Positives ist, sollte man die dahinter steckende Industrie nicht vergessen. Das Geschäftsmodell basiert auf der Ausbeutung von Regisseur*innen und Darsteller*innen. Irgendjemand muss ja schliesslich für die Filme bezahlen und da es nicht die Zuschauer*innen sind, sind es schlussendlich die Macher*innen. Wir boykottieren Fast Fashion, weil wir die ausbeuterischen Verhältnisse in den Produktionsländern nicht ertragen können, wir ernähren uns vegan, weil die Lebensmittelindustrie Tierrechte mit Füssen tritt und wir verbannen jeglichen Plastikstrohhalm aus unserem Alltag. Aber wenn es darum geht, Sexarbeiter*innen zu schützen, ist von unserem Gerechtigkeitssinn nicht mehr viel zu spüren.

Pornoseiten, auf denen wir gratis Filme sehen können, arbeiten häufig mit Raubkopien und usergeneriertem Content. Privatpersonen können Clips hochladen, obwohl sie damit gegen das Urheberrecht verstossen, und dieses gestohlene Material geht schneller online, als sich Filmstudios dagegen zur Wehr setzen können. Die mehrfach ausgezeichnete, feministische Erotikfilmmacherin Erika Lust erzählte Refinery29, dass ihr Team gerade vergebens versucht, ihre XConfessions-Filme von Pornhub zu entfernen. Sie erklärt: «[Gratis Pornoseiten] stehlen den Studios die Filme und profitieren gleichzeitig davon, dass Leute ihre Amateurvideos online stellen. Dass Pornos kostenlos angesehen werden können, trägt nicht nur zur Ausbeutung der Darsteller*innen bei, sondern vermittelt ausserdem den Eindruck, dass Sexarbeit keine Arbeit sei. Viele der Menschen, die man in diesen Pornofilmen sieht, haben nicht ihre Einwilligung dazu gegeben, dass ihr Material raubkopiert wird oder im Internet frei verfügbar ist.» Und sie bekommen dafür nicht einen Cent.

«Sexarbeit ist ein echter Job und selbstverständlich verdienen es die Darsteller*innen, bezahlt zu werden. Die Darsteller*innen, die Crew, die Leute in der Produktion und der Post-Produktion sowie jede*r einzelne Regisseur*in brauchen Budget und Gehalt. Verträge, die die Rechte der Arbeiter*innen schützen, ein Catering am Set, regelmässige Gesundheitstest, ordentliche Unterbringungen vor Ort und Flugtickets sind das Minimum.»

Gegenüber Refinery29 versicherte der Pornhub-Vizepräsident Corey Price, wie wichtig dem Unternehmen der Schutz geistigen Eigentums und der Ertragsfähigkeit von Darsteller*innen, Models und Sexarbeiter*innen sei. Er sagt ausserdem, dass den Models auf Pornhub 80 Prozent der Werbeeinnahmen, die durch ihre Videos generiert wird, zugeht. «Wir lassen die Fingerprinting Software eines Drittanbieters über jeden neuen Upload laufen [um sicherzustellen, dass es sich dabei um keine Raubkopie handelt]. Wenn Models Content auf Pornhub finden, der ihnen gehört [und widerrechtlich hochgeladen wurde], gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder kann dieser sofort gelöscht werden oder er erscheint in Zukunft auf ihrem persönlichen Channel. So gehen die Beträge, die ab dann mit ihrem Video gemacht werden, sowie das Geld, das das Video bislang eingebracht hat, ihnen zu.»

Die feministische Pornoseite Bellesa stand letztes Jahr in der Kritik, nachdem viele Darsteller*innen und Filmemacher*innen sich via Twitter darüber beschwert hatten, dass die Seite raubkopiertes und urheberrechtlich geschütztes Material hostet. Die Seite ging kurz offline und relaunchte seinen Videobereich danach neu. Es gibt dort wieder kostenlose Pornovideos, diesmal jedoch in Zusammenarbeit mit den Darsteller*innen und Studios. Michelle Shnaidman hat Bellesa gegründet und ist CEO. Sie sagt: «Die eigene Sexualität voll und ganz erkunden zu können ist insbesondere für Frauen sehr wichtig. Gerade für sie gibt es hier viele Hürden und Stigmata.» Wenn es um ihre Plattform geht, macht das Thema Urheberrecht für sie den entscheidenden Unterschied. «Es geht um die Herangehensweise. Schlussendlich zählt, dass die Macher*innen zustimmen, dass ihr Material gezeigt werden darf und dass alle bei der Produktion Beteiligten fair dafür bezahlt werden. Wenn man normalerweise einen kostenlosen Porno auf einer Seite schaut, haben die Betreiber der Seite in der Regel kaum Kontrolle darüber, was von wem hochgeladen wird. Damit Pornofilme ethisch vertretbar sind und niemanden ausbeuten, muss das Material von vertrauenswürdigen Studios kommen, die sehr strenge Regeln haben, um sicherzustellen, dass alle Beteiligten sich wohlfühlen, geschützt sind und alles in ihrem Einvernehmen passiert. Aktuell präsentiert Bellesa 10 bis 18 Minuten lange Videos, die von wirklich tollen und hundertprozentig ethischen Pornostudios gedreht wurden, mit denen wir zusammenarbeiten. So kann man kürzeren Content ansehen, der aber kostenlos bleibt.» Schlussendlich, betont Shnaidman, möchte sie aber die User dazu aufrufen, sich anzumelden und für die Videos zu zahlen, damit das Überleben dieser Firmen auch zukünftig gesichert ist.

Die Pornoindustrie ist schon lange nicht mehr so lukrativ, wie sie mal war. Kostenlose Seiten, auf denen Pornos hochgeladen und von den Zuschauern umsonst angesehen werden können, haben die Darsteller*innen und Studios entweder arbeitslos gemacht oder sie dazu gezwungen, ihre Budgets massiv zu senken. Lust erzählt, dass, nachdem Pornhub in den Nullerjahren an den Start ging, die Gehälter innerhalb der Branche drastisch nach unten gingen und sich daran bis heute nichts geändert hat.

Viele von uns denken nicht wirklich darüber nach, was hinter den Kulissen eigentlich vor sich geht. Die Tatsache, dass wir die Mechanismen der Pornoindustrie oftmals nicht hinterfragen, spricht Bände über unsere Kultur, in der Frauen zu Unterhaltungszwecken sexualisiert werden, die sich aber weigert, Sexarbeiter*innen menschlich zu behandeln. Bellesa-CEO Shnaidman sagt: «Das Problem an kostenlosen Pornos ist, dass sie in Wirklichkeit nie kostenlos sind. Leute, die sich einen Porno ansehen, denken in der Regel nicht an die [Bezahlung von] Menschen, die vor der Kamera stehen, denjenigen, die filmen, der Regisseur*innen oder Cutter*innen, dank denen sie den Film gerade gucken können. Sie sehen sich halt einen Porno an.»

Sex Coach Raquel Savage musste selbst erfahren, wie problematisch kostenlose Pornos sind, nachdem sie angefangen hatte, nicht jugendfreien Content auf ihrem privaten Snapchat-Account zu posten. Der Content wurde nämlich ohne ihre Zustimmung kopiert und verbreitet. «Der Grossteil der Leute weiss gar nicht, dass die Seiten, die sie oft besuchen, ausbeuterisch sind. Vielen Menschen sind das Wohlbefinden, die Sicherheit und die Lebensumstände von Sexarbeiter*innen egal und sie respektieren sie nicht. Deswegen haben sie auch kein Interesse daran, mit nicht jugendfreiem Content in einer Weise umzugehen, die den Sexarbeiter*innen gegenüber respektvoll ist, die ihnen das Geld bezahlt, das ihnen zusteht oder die Wert auf ihre Zustimmung legt.»

Dieses Stigma auch auch teilweise verantwortlich dafür, dass wir nicht über den kostenlosen Pornokonsum und die damit einhergehende Ausbeutung von Sexarbeiter*innen sprechen. Doch Schweigen macht das Ganze nur schlimmer. «Die Leute schauen sich unentgeltlich Pornos im Internet an, weil sie sich zu sehr schämen, ein Abo abzuschliessen. Sich Sex anzusehen ist nach wie vor ein riesiges Tabu», sagt Florence Barkway. Sie ist eine Hälfte des sex-positiven Channels Come Curious und glaubt, dass YouTube ihren Content den Usern bewusst nicht vorschlägt und so nur wenige Menschen erreicht. «Das Problem ist, dass viele Leute nicht für ihre Pornos bezahlen wollen. Dabei handelt es sich dabei um ein ganz normales Produkt. Man würde ja auch nicht in ein Café spazieren und sich kostenlos einen Cappuccino mitnehmen, oder? Warum sollte man also nicht bezahlen, um Filme zu sehen?»

Auch Erika Lust teilt diese Auffassung. «Für Pornos muss man bezahlen. Leute scheinen zu glauben, sie seien komisch, wenn sie für Pornofilme zahlen, oder dass sie sie dann wohl ein bisschen zu sehr mögen. Aber das ist überhaupt nicht der Fall. Die Zuschauer sollten vielmehr stolz darauf sein, dafür zu zahlen und so die Filmmacher*innen und Sexarbeiter*innen zu entlohnen.» Lust selber ist der lebende Beweis dafür, dass zahlende Kunden die treibende Kraft hinter alternativen Pornofilmen sind. «Ethisch produzierte Pornos werden immer etwas kosten. Denn wenn sie kostenlos sind, verliert eine*r der Beteiligten Geld», sagt sie. Wenn wir weiterhin annehmen, dass Pornos nichts kosten sollten, unterstützen wir damit die frauenfeindlichen Mainstream-Seiten, die weiterhin gratis Filme zeigen. Ethische, feministische und queere Pornofilme sterben auf diesem Wege aus.

«Viele Leute denken, sie haben kein Geld um für Pornos zu bezahlen. Aber das ist Quatsch. Wenn man etwas findet, von dem man denkt, es sei sein Geld wert, kauft man es», sagt Reed Amber, die zusammen mit Florence Barkway Come Curious betreibt. Wer tatsächlich kein Geld zur Verfügung hat, um sich Pornos anzusehen, der sollte es lassen. Man geht ja auch nicht ohne einen Cent in der Tasche feiern oder kauft sich neue Schuhe, wenn man nicht die Mittel hat, sie zu bezahlen. Das gleiche Mindset sollten wir auch bei Pornos haben. «Jeder und jede, der oder dem sex-positiver Feminismus am Herzen liegt, sollte sich schlau machen, wo sein oder ihr Porno herkommt und sich ganz bewusstmachen, was es bedeutet, kostenlose Pornos zu schauen. Dafür zu bezahlen ist die einzige Art, zu garantieren, dass man kein ausbeuterisches System unterstützt. Man will schliesslich Firmen unterstützen, die ihre Mitarbeiter*innen ordentlich bezahlen, sie am Set gut behandelt und denen es wichtig ist, die Zustimmung der Gezeigten einzuholen», so Filmemacherin Lust.

Trotzdem gibt es natürlich Wege, Pornos kostenlos anzusehen ohne damit das ausbeuterische Geschäftsmodell dieser Industrie zu unterstützen. «Viele Darsteller, egal ob es Cam Girls, Pornostars oder Leute wie ich selbst sind, teilen Links zu ihren Social-Media-Kanälen, auf denen sie jede Menge kostenloses Zeug anbieten», erklärt Savage. Sie ermutigt Konsumenten, den Darstellern eine Art Trinkgeld zu zahlen, wenn sie sich ihre kostenlosen Sachen ansehen. «Ansonsten empfehle ich, auf Seiten wie beispielsweise auf Pornhub, Seiten von verifizierten Darsteller*innen zu besuchen. Dort posten diese ihren Content und werden von Pornhub dann pro View bezahlt. Das Geld, das sie dafür bekommen, ist zwar nicht viel, aber es ist immerhin Extrageld, was dadurch reinkommt.»

Pornos können die sexuelle Befreiung entscheidend vorantreiben, sie können Quellen der persönlichen Ausdruckskraft und der Repräsentation sein, sie tragen dazu bei, dass sexueller Genuss und Sexarbeit entstigmatisiert werden. Aber nichts davon kann passieren, so lange Darsteller*innen und Filmemacher*innen ausgebeutet werden. Wie schon gesagt, ist Sexarbeit in erster Linie Arbeit. Jetzt, wo wir wissen, was es bedeutet, kostenlose Pornos im Internet zu schauen, ist es an uns, Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen.

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