Das Kompliment

Liebe Becca McCharen-Tran

Text: Leandra Nef; Foto: GettyImages

Becca McCharen-Tran

Es wäre vermessen zu sagen, dass ich die Ereignisse an der New York Fashion Week akribisch verfolge. Dennoch dringen dieser Tage natürlich auch in meine Newsfeeds und Timelines Neuigkeiten aus der Modemetropole vor. Sie und Ihr futuristisches Bademodelabel Chromat sind mir dabei gleich mehrmals begegnet und in besonderer Erinnerung geblieben.

Warum? Weil Ihre Show – wie ich einmal mehr herausfinden durfte – ein Paradebeispiel für Inklusion und Diversität war. «Inklusion! Diversität! Schon wieder!», wird die Leserin augenrollend denken. Klar, heutzutage schreibt sich jeder Designer – und jede Bekleidungskette und jedes Unternehmen und sowieso jeder! – auf die Fahne, inklusiv und divers zu sein. Leider allzu oft nur für ein bisschen positive Presse. Das zeigt sich dann an folgender Paradoxie: Designer X lässt Ashley Graham für sich über den Laufsteg defilieren, um sich ja nicht mit dem Vorwurf auseinandersetzen zu müssen, ausschliesslich mit bulimischen Mädchen zu arbeiten. In den Boutiquen und Flagshipstores des Designers X hängen dann aber trotz Graham und Diversitätsgeschwurbel nur Kleider bis allerhöchstens Grösse 40. Standard-Ausrede: Externe Abnehmer wie Onlineshops würden keine sogenannten Übergrössen kaufen, grosse Grössen werde man nicht los. Bis zu einem gewissen Grad scheint dies tatsächlich mehr traurige Wahrheit als Ausrede: Auch Sie, Becca McCharen-Tran, hatten zunächst Mühe, einen geeigneten Retailpartner zu finden, der Ihre grossen Grössen verkauft. Das jedenfalls haben Sie entrüstet dem US-Onlinemagazin «Mic» erzählt.

Im Gegensatz zu anderen Designern haben Sie diese Ungerechtigkeit aber nicht kampflos hingenommen, sondern weitergesucht. Und gefunden. Die US-Warenhaus- und Versandhauskette Nordstrom bietet Ihre Stücke seit Frühjahr in Grössen bis 3XL an, was bei uns einer 54–56 entspricht.

Als Sie letzte Woche Ihre Frühjahr-/Sommer-Kollektion 2019 in New York vorstellten, liefen dann aber nicht nur Models unterschiedlichster Körperformen über den Laufsteg. Nein, Sie fassen die Begriffe Inklusion und Diversität konsequenterweise weiter. 35 Frauen und – zumindest wenn es nach dem biologischen Geschlecht geht – Männer präsentierten Ihre Stücke. Das ist insofern aussergewöhnlich, als dass Sie eigentlich nur Bademode für Frauen designen. Es war Ihnen wichtig, die Grenzen unserer heteronormativen Welt auszudehnen und auf dem Laufsteg auch Mitgliedern der LGBTQ-Community sowie Transgendern eine Plattform zu bieten. Den Grund dafür haben Sie der «Teen Vogue» verraten: «I love celebrating queerness [...]! The fashion industry is definitely gay friendly, but I'm always looking for more lesbians and queer and trans women of color in fashion though. There aren't enough.»

Während sich andere spätestens nach diesem Statement zurücklehnen und sich über ihren geschickten PR-Schachzug selbstgefällig ins Fäustchen lachen würden, haben Sie noch lange nicht genug. Inklusion und Diversität sind für Sie keine geflügelten Worte. Sie machen, was Sie machen, weil Sie zeigen wollen, wie vielfältig die Welt ist – und nicht, weil es gut fürs Image ist. «Intoleranz wird nicht toleriert», proklamieren Sie, und weil Sie jeden Körper und jeden Menschen feiern, sind Ihre Models radikal verschieden – nicht nur dick und dünn und straight und gay und trans, sondern eben auch jung und alt, asiatisch und afrikanisch, tragen Hijab, Tattoos, Babybauch – und bei besagter Show sogar Beinprothese. Die gehörte dem 28-jährigen haitianischen Model Mama Cax, das an Ihrer Show sein NYFW-Debüt gab. Mit 14 Jahren wurde bei Cax Knochen- und Lungenkrebs diagnostiziert. Sie verlor ihr rechtes Bein und trägt seither eine Prothese. Als das Model mit neongelbem Bikinioberteil, schwarzem Mini, Prothese und auf Krücken gestützt den Laufsteg betrat, flammte kurz Applaus auf. Zu Recht! Und vor allem: ein überraschend deutliches Statement für das sonst eher abgeklärte Publikum der New York Fashion Week, das Klatschen in etwa so sparsam einsetzt wie Katholiken selbiges in der Kirche: nur in absoluten Ausnahmesituationen.

Becca McCharen-Tran, abgesehen von dieser Show weiss ich wahrlich nicht viel über Sie. Ich weiss, dass Sie im US-Bundesstaat Virginia aufgewachsen sind, Architektur studiert haben, mit Ihrer Frau in Brooklyn leben, ihr Haar mal pink, mal blau färben, dass Sie ein einnehmendes Lachen und Sinn für innovative Designs haben. Ich weiss, dass «Forbes» Sie vor einigen Jahren unter die 30 unter 30 gewählt hat, die die Welt neu erfinden. Ich weiss gerade mal das, was Internetsuchmaschinen nach kurzer Recherche über Sie ausspucken. Ich kann noch nicht mal Ihren Namen fehlerfrei aussprechen.

Und doch bin ich mir sicher, dass Sie eine starke, kreative Frau sind, die den Willen und die Geduld hat, nachhaltig etwas in der Fashionbranche zu bewegen.

Herzlich,
Ihre Leandra Nef

 

Leandra Nef

Auf dieser Welt gibt es noch so viele Geschichten zu erzählen! Das freut die Junior Online Editor, die Neues entdecken, verstehen, hinterfragen und natürlich darüber schreiben möchte. Unkonventionelle Lebensentwürfe und das Thema Reisen interessieren sie besonders.

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