Gender - Mann trägt Hochzeitskleid

Text: Christina Duss
Foto: Getty Images
Repro: Fotostudio gamevuinhon

Der Mann der Stunde: Andrej Pejic (19)
Auf der Frühling/Sommer-Ausgabe des New Yorker Magazins «Dossier» prangt Andrej Pejic. Weil er zu weiblich wirke, verlangten einige Verkaufsstellen, die Ausgabe sei in blickdichte Folie zu verpacken
e
f

Der Mann der Stunde: Andrej Pejic (19)

Auf der Frühling/Sommer-Ausgabe des New Yorker Magazins «Dossier» prangt Andrej Pejic. Weil er zu weiblich wirke, verlangten einige Verkaufsstellen, die Ausgabe sei in blickdichte Folie zu verpacken

In der Modewelt hat der kleine Unterschied ausgedient.

Vergangenen Februar, irgendwann zwischen den letzten Haute-Couture- und den ersten Prêt-à-porter-Shows, veröffentlichte der italienische Forscher Silvano Vincenti seine Studie über Leonardo da Vincis «Mona Lisa». Er will herausgefunden haben, dass sie ein Mann sei, ein Schwuler mit äusserst femininen Zügen: da Vincis Schüler und Geliebter Giangiacomo Caprotti da Oreno, der 1490 im Alter von 16 Jahren als Bediensteter ins Atelier des Meisters eingezogen war. Die Reaktionen fielen eher spöttisch aus: «Wie viele Experten brauchts denn, um zu beweisen, dass Mona Lisa kein Typ mit Implantaten war?» fragte der «Guardian».

Heutzutage hält uns das Geschlechter-Verwirrspiel einer Lady Gaga in Atem, aber auch ein junger Typ aus Australien mit kroatisch-serbischen Wurzeln: der 19-jährige Andrej Pejic, einer der neuen Femimans (androgyne Männer mit hohen Wangenknochen, vollen Lippen und knabenhaften Körpern), das Lieblingsmodel von Jean Paul Gaultier und Gesicht von Marc Jacobs. Im Frühling lief er an den Männershows, eine Woche später steckte Gaultier den feingliedrigen Jungen mit dem filigranen Mädchengesicht bei den Frauen ins Hochzeitskleid. In der Mode verändert sich das Männer- und Frauenbild ja schon seit den Dreissigerjahren stets. Was aber heutzutage auffällt: Designer greifen das Thema zwar immer noch auf, sind aber nicht auf Skandale aus. In den aktuellen Kollektionen zeigen sie eine zweckmässige Androgynität: robuste Tweedhosen bei Chanel, einfach geschnittene Strickpullis bei Céline, männliche Stoffe wie Glencheck bei Ferragamo, schmale Männerhosen bei Dolce & Gabbana.

Bei den Models zeigt sich gegenüber dem Geschlechterspiel eine ähnliche Gelassenheit: «Mein Erfolg ist eine Kombination aus harter Arbeit, Verstand und einem sexy Körper. Im Modebusiness wird halt jeder in eine Schublade gesteckt», erklärte etwa Andrej Pejic dem «New York Magazine» entspannt. Die weiblichen Jungs, aber auch die männlichen Mädchen – Daria Pleggenkuhle, Aymeline Valade, Freja Beha Erichsen und Jamie Bochert – scheinen sich ohne grosses Aufsehen in die Mode- und Modelwelt einzufügen, werden im Fall von Newcomern wie Andrej Pejic bewundert, gefördert und nur von wenigen Skandälchen begleitet.

Genau dieses selbstverständliche Spiel zwischen den Geschlechtern spürt man auch beim morgendlichen Griff in den Kleiderschrank: zu den Hemden, die wir uns in der Männerabteilung gekauft haben – beim Freund klauen müssen wir sie längst nicht mehr.


Und das fröhlich-unaufgeregte Geschlechterraten geht weiter:
— Vom Unisex-Parfumlabel CK One gibt es jetzt auch Jeans und Unterwäsche.
— Rapper Kanye West trug am Coachella-Festival im April einen Blouson aus Célines (Frauen-)Kollektion.
— Für die US-«Elle» fotografierte Schauspieler James Franco das britische Topmodel Agyness Deyn im James-Dean-Look.

Artikel zum Thema

Kommentare

Empfehlungen der Redaktion

News & Trends von den Fashion Weeks 2011/12

Digitale Post

Das Beste aus unserer Redaktion jede Woche in Ihrer Mailbox

Mehr aus der Rubrik

Fab Five

Jeans – aber bitte nachhaltig

Von Mariella Ingrassia