Mehr Geld & mehr Einsamkeit

Dokfilm über Alexander McQueen

Text: Barbara Loop; Fotos: Ascot Elite Entertainment

Alexander McQueen Dokfilm Designer
Alexander McQueen Dokfilm Designer
Alexander McQueen Dokfilm Designer
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Der Albtraum der Mode: Alexander McQueen war zu Beginn seiner Karriere der Aussenseiter

Innige Beziehung: Alexander McQueen mit seiner Mutter

Der Meister am Werk:McQueen Ende der Neunzigerjahre im Atelier von Givenchy

Acht Jahre nach Alexander McQueens Suizid kommt ein Dokfilm über den britischen Ausnahmedesigner in die Kinos. Einer der beiden Regisseure ist der Schweizer Ian Bonhôte – ein Mode-Laie. Ein Glücksfall für das Werk.

Ein Herz bleibt stehen. Das anhaltende Piepsen, der moderne Ton des Todes, durchschneidet die Stille. Dann ein Knall, Wände aus Glas zerbersten und geben den Blick auf den Körper einer nackten dicken Frau frei, die eine insektenähnliche Maske trägt, an einem Beatmungsschlauch hängt und auf einem Sofa drapiert von Motten umschwirrt wird.

Es muss verstörend gewesen sein, bei der Präsentation von Alexander McQueens Sommerkollektion 2001 im Publikum zu sitzen. Wie verstörend, können die meisten aber erst jetzt erahnen, da die Bilder auf Grossleinwand zu sehen sind. Mit «McQueen» kommt zum ersten Mal ein Dokfilm über den Modedesigner ins Kino, der sich vor acht Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere im Kleiderschrank seines Londoner Townhouse erhängt hat. Michelle Olley, die Frau hinter der Maske, kommentiert im Film ihren Auftritt: «Eine fette Frau und Motten. Ist das nicht der grösste Albtraum der Mode?»

Lee, wie McQueens Rufname lautete, war selbst so etwas wie der Albtraum der Mode, als er an der Savile Row, der Londoner Adresse für Massanzüge, eine Schneiderlehre antrat. Auf Fotografien aus jener Zeit ist ein dicklicher Junge aus dem proletarischen Londoner East End zu sehen, in Jeans und Turnschuhen, mit einem Gebiss so schief und zerklüftet, dass es die exzentrische Stylistin Isabella Blow, die später seine Mentorin werden sollte, an die Steinkreise von Stonehenge erinnerte. Nichts deutete an, dass aus Lee McQueen, dem Sohn eines Taxifahrers aus Stratford, der gerne Kleider für seine Schwestern zeichnete und die Musik von Sinéad O’Connor liebte, nur ein paar Jahre später der gefeierte Modedesigner Alexander McQueen werden würde.

Wohl genauso unerwartet ist es, dass ausgerechnet ein Westschweizer das Leben des Designers verfilmt hat. Ian Bonhôte hat in einem Kubus aus Glas Platz genommen, der als Sitzungszimmer dient, an seiner Seite Peter Ettedgui, der bei «McQueen» Co-Regie geführt und auch das Drehbuch geschrieben hat. Die beiden wirken aufgeregt wie zwei Schulbuben, die einen grossen Fisch an der Angel haben. Zwar sind sie keine Anfänger im Filmbusiness, Ettedgui hat etwa das Skript zu einem preisgekrönten Film über Marlon Brando verfasst und Bonhôte bereits einmal eine erfolgreiche Produktionsfirma mitgegründet, deren Anteile er verkauft hat. Aber einen Film über Alexander McQueen zu drehen, noch dazu in England, das sorgt für richtig viel Adrenalin.

«Lee war ein Aussenseiter, und Aussenseiter haben mich immer interessiert», sagt Bonhôte. «Misfits», zu Deutsch Sonderlinge, heisst denn auch die zweite Produktionsfirma, die er in seiner Wahlheimat London gegründet hat. Die Firma liegt in einem Hinterhaus im Soho-Quartier und besteht aus einem einzigen fensterlosen Raum von der Grösse einer Garage. Velos verstellen den Eingang und vollgestopfte Regale die Wände. Dass das Ganze eher an eine Taxizentrale erinnert als an die schöne Welt der Mode, ist kein Zufall. Bonhôte hat sich mit Werbefilmen und Musikvideos einen Namen gemacht, «McQueen» ist erst der zweite Kinofilm, bei dem er Regie geführt hat. In der Welt der Schönen und Berühmten ist er selbst ein Aussenseiter.

Wie gross die Popularität von Alexander McQueen ist, machte die Ausstellung «Savage Beauty» deutlich, die dem Schaffen des Designers gewidmet war. Ein Jahr nach dessen Tod brach die Ausstellung im Metropolitan Museum in New York und danach auch in London Besucherrekorde. McQueen verkörpert wie kaum ein zweiter das Lebensgefühl im London der Neunzigerjahre. Es war die Ära der hedonistischen Clubkultur und des «Cool Britannia», jener Szene also, der auch McQueen angehörte und die London, zusammen mit den sogenannten Young British Artists wie Damien Hirst und Tracey Emin sowie der Britpop-Welle, zum kreativen Hotspot werden liess. Für Bonhôte, der damals als Zwanzigjähriger nach London kam, um Filme zu drehen, war McQueen ein Idol: «Die englische Landschaft war mir egal, ich hasste die Monarchie und konnte das Klassensystem nicht ausstehen. McQueen war das Beste, was England zu bieten hatte.»

In jenen Jahren hat sich die Mode-Industrie von einer elitären Angelegenheit zu einem Massenphänomen gewandelt: Highstreet-Labels machten die neusten Trends für alle bezahlbar, aus Bandshirts wurden Brandshirts, aus Modeschauen Spektakel, aus Models Supermodels und aus Designern Popstars. Befeuert wurde diese Entwicklung von Investoren wie François Pinault und Bernard Arnault, die altehrwürdige Modehäuser aufkauften und zu Luxuskonglomeraten zusammenschlossen. Im Rennen um Marktanteile waren die jungen Designer die Pferde, auf die sie ihre Vermögen setzten. McQueen war gerade mal 28 Jahre alt, als er bei Givenchy zum Chefdesigner ernannt wurde. Ein Posten, der frei wurde, weil der fast so junge und rebellische John Galliano zu Dior gewechselt hatte. Ihr Antrieb waren Geld und schier endlose Möglichkeiten, ihr Doping Kokain. Jung mussten sie sein und neu, Aussenseiter mussten sie sein, das sorgte für die nötigen Schlagzeilen. Und McQueen wusste zu provozieren: Seine Frauen waren dunkel und böse, anstatt um Schönheit ging es in seinen Kollektionen um Sex und Gewalt. Er fand in seiner eigenen Biografie genauso Inspiration wie in den Massakern des Bosnienkriegs. Shows wie «Highland Rape», in der er Models wie geschändete Opfer über den Laufsteg torkeln liess, brachten ihm, dessen Entwürfe oft wie eine Rüstung für stolze Frauen wirkten, den Ruf eines misogynen Rohlings ein. Bei aller Dramatik war der «Hooligan der Mode», wie McQueen genannt wurde, ein begnadeter Modemacher und Schneider, der sein Handwerk von der Pike auf gelernt hatte.

All das ist Thema des Dokumentarfilms, und trotzdem sei «McQueen» kein Film über Mode, stellt Bonhôte klar. Er trägt eine auffallende Brille, und sein T-Shirt ist, wie er später bemerkt, von McQ, der jugendlichen Nebenlinie von Alexander McQueen. Aber seine Art zu sprechen – «Die meisten Menschen verbinden mit Mode doch nur aufgeblasene Schwachköpfe» –, entbehrt jener Blasiertheit und Diskretion, die man dem Modebusiness nachsagt. Sie habe der Mensch hinter dem Ruhm interessiert, sagt Bonhôte, «sein Mut, seine Wut, sein Erfolg, sein Scheitern und seine Einsamkeit, Dinge also, die jeder Postbote kennt. Bei McQueen war einfach mehr von allem im Spiel. Mehr Geld, mehr Kreativität, mehr Aufmerksamkeit und mehr Einsamkeit.»

Tatsächlich ist «McQueen» keiner dieser Mode-Filme, die derzeit so populär sind. Anna Wintour glänzt durch Abwesenheit, auch Berühmtheiten wie Kate Moss, die mit Alexander McQueen befreundet war, auch Lady Gaga oder Björk, die beide mit ihm gearbeitet haben, kommen nicht zu Wort. «McQueen» handelt von jenem Menschen, den Bonhôte liebevoll Lee nennt. Lee, der mit denkbar schlechten Karten startete, sein Arbeitslosengeld in die ersten Kollektionen steckte, Freunde und Liebhaber als billige Arbeitskräfte ausnutzte, sie verehrte und sie fallen liess, sobald sie ihn infrage stellten. «McQueen» zeigt, wie der Junge mit dem Schalk im Nacken und der fast unheimlichen Entschlossenheit einem nachdenklichen Mann in teuren Anzügen weicht, die Zähne gerade und der Körper schlank operiert. Der Dokumentarfilm enthält bekannte wie auch neue private Aufnahmen, etwa von McQueens geliebter Mutter Joyce, die an einer Modeschau hinter der Bühne Sandwiches für die Models bereitstellt, oder von McQueens Entourage, die in Paris durch die Marmorhallen von Givenchy blödelt.

Nur 18 Monate hat die Arbeit an «McQueen» gedauert. «Eigentlich unmöglich, in dieser Zeit einen Film zu drehen», sagt Ettedgui oder in den Worten Bonhôtes: «Es war Punk, sehr McQueen eben.» Als Bonhôte und Ettedgui das Projekt in Angriff nahmen, wussten sie von drei anderen Filmprojekten über McQueen. Ein Wettlauf gegen die Zeit. Bonhôte und Ettedgui brachten die Finanzierung zwar rasch zustande, doch es fehlten die Protagonisten. Viel zu verschwiegen sei der Kreis um Alexander McQueen gewesen, als dass man zwei Filmemachern hätte Auskunft geben wollen, die McQueen nie persönlich getroffen hatten. «Ich wusste, sie würden uns wie Luft behandeln», sagt Bonhôte. «Wir waren nicht Teil der Fashion-Royality, in den Augen vieler waren wir Trash.» Auch von der Familie McQueen bekamen sie zuerst eine Absage. Zu gross sei die Angst vor der Sensationsgier gewesen, zu tief sass noch immer der Schmerz über seinen Tod. Dass sich das Blatt wendete, hat bestimmt mit den Kontakten von Ettedguis Vater zu tun, dem Gründer der Modemarke Joseph. Letztlich aber war es ein Glücksfall, dass Bonhôte und Ettedgui in Sachen Mode Aussenseiter waren. Sie hatten keine Rechnungen offen, für sie standen weder Freundschaften noch Geschäftsinteressen auf dem Spiel. Und sie waren daher der Familie McQueen weniger fremd. Zumindest sieht Bonhôte das so. Seine eigene Herkunft hat zwar mit der Welt der McQueens nichts zu tun, er komme aus einer reichen Genfer Familie: «300 Jahre Private Banking», sagt er. «Ich habe das gehasst, ich musste weg aus der Schweiz, wo man die Armut nicht versteht.» Darum hat er sich in die englische Arbeiterklasse verliebt, die Pubs, das East End, in Leute wie die McQueens.

Die Interviews mit den Weggefährten sind bewegend. Viele bezeichnen die Jahre mit McQueen als die wichtigsten ihres Lebens. Und dann ist da McQueens Familie, allen voran seine ältere Schwester Janet. Sie stand ihrem Bruder im Leid nahe; ihr gewalttätiger Mann hatte Lee als Jungen sexuell missbraucht. Bei aller Zuneigung, die in den Worten der Schwester mitschwingt, wird aber auch deutlich, wie fremd ihr der Bruder mit dem Ruhm, den Parties und den Skandalen zuweilen geworden ist. Die Frage nach den Gründen für McQueens Suizid lässt der Film bewusst offen. McQueen starb in der Nacht vor der Beerdigung seiner Mutter. War es der Schmerz, den er nicht ertragen konnte? Waren es die Drogen? Der Druck der Industrie? Oder aber der Druck, den er sich selbst aufsetzte? Oder hatte er sich selbst verloren; war bei all dem Trubel um Alexander McQueen der Aussenseiter Lee abhandengekommen? Für den einstigen Albtraum der Mode, so viel scheint gewiss, war die Mode selbst zum Albtraum geworden.

 

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Barbara Loop

Die Lifestyle-Redaktorin interessiert sich für den Stoff, der die Gesellschaft warm und bei Laune hält. Sie schreibt über Mode, ihre Ikonen und ihre Industrie.

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