Bünzlig? Sexy!

Tessin neu entdeckt

Text: Kerstin Hasse; Fotos: Diana Pfammatter

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Tessin reloaded
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Tessin neu entdeckt nach centovalli
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Malediven der Schweiz: Die eiskalte, klare Verzasca bei Lavertezzo ...

... und zwei Sonnenanbeter.

«Hier finden viele Gäste genau das, was sie sich vom Tessin erhoffen»: Jutta Ulrich von Ticino Turismo

Regionales Reise-Erlebnis: Sünnele und bädele in der Maggia bei Ponte Brolla

Piazza Grand in Locarno 

Akkurat in Reih und Glied in Ascona: Palmen, des Touristen liebstes Tessiner Gewächs

Schiffsanlegestelle in Ascona

Im wilden Grün beim Albergo Ristorante Centovalli

Identitätsstifter: Albergo Ristorante Centovalli, ...

... die Standseilbahn Locarno–Madonna del Sasso ...

... und Christian Zingg, Besitzer des Grottos Pozzasc in Peccia

«Ist doch toll, wenn alle zu uns kommen»: Eros aus Lavertezzo

Neben all der Schönheit, die sich etwa in Lavertezzo zeigt, gibt es im Tessin auch dies: Den nicht ganz stilechten Glacestand an der Maggia

Italien für Arme. So dachte unsere Autorin über das Tessin. Bis sie sich verliebte – in ihren Freund, der alle Ferien seiner Kindheit da verbracht hat. Eine Reise durch die Täler und Städte eines Kantons, der wieder zu seinen Stärken zurückfindet.

Irgendwo im Verzascatal. Mit einem lauten Plopp öffne ich die Flasche, die vor mir auf dem Tisch steht. Ich giesse den klaren Inhalt langsam in mein Glas und nippe daran. Gazosa al limone. Als ich das zum ersten Mal trank, kam es mir irgendwie weniger süss vor. Damals, als ich mein erstes Gazosa probierte, war ich etwa zehn Jahre alt. Meine Eltern hatten für die Herbstferien ein Rustico von Freunden in Lodrino gemietet, 20 Autominuten von Bellinzona entfernt. Abends gingen wir oft in ein Grotto in der Nachbarschaft und auf dem Spaziergang dahin passierten wir ein Krematorium. So blieb mir neben dem Gazosa, das so schön ploppte, wenn man es öffnete, und den Steinbänken aus Granit vor allem das morbide Flair des Tessins in Erinnerung.

Wir hielten auch manchmal auf der Durchreise nach Italien im Tessin an. Auch dann konnte der Kanton mich nicht für sich gewinnen. Eine Migros, in der zwar Italienisch gesprochen wird, es aber den gleichen Eistee zu kaufen gibt, den wir zuhause im Kühlschrank stehen haben – warum sollte ich das toll finden, wenn ich in Italien den einzigartigen Esta Thé serviert bekam? Während meine Freundinnen mit ihren Familien Jahr für Jahr auf den Zeltplatz nach Tenero pilgerten, bedeutete für mich der Moment, in dem wir nach den Ferien im Shoppingcenter Tenero hielten, nur, dass ich bald wieder in die Schule musste. In meiner Adoleszenz empfand ich das Tessin als uninteressant, bünzlig und unerträglich schweizerisch. Das Italien für Arme.

Wie so oft war es die Liebe, die meine Meinung änderte. Mein Freund hat seine gesamte Kindheit in den Ferien im Tessin verbracht. Vor knapp zehn Jahren überredete er mich, mit ihm ins Tessin zu fahren. Diese Reise liess die Dinge in einem anderen Licht erscheinen. Ich merkte, wie viele zauberhafte Gesichter das Tessin hat – wenn man sie bloss entdeckt.

Seit der Gotthard-Basistunnel im Juni 2016 eröffnet wurde, ist das Tessin der Deutschschweiz so nah wie nie zuvor. Eine Stunde und 38 Minuten braucht es nur noch, um von Zürich nach Bellinzona zu gelangen. Dies wirkt sich auf den Tourismus aus. Die SBB rechnen bis 2025 mit einer knappen Verdoppelung des Passagieraufkommens, schon nach einem Jahr ist es um etwa zwanzig Prozent angestiegen. Pro Tag durchqueren rund 10 000 Reisende den Gotthardtunnel. Das widerspiegelt sich auch in den Übernachtungszahlen: Als eine der einzigen Destinationen der Schweiz verbucht das Tessin eine Steigerung bei den Logiernächten. Von Januar bis Oktober 2017 hat Ticino Turismo ein Plus von 7.7 Prozent verzeichnet – es ist das beste Ergebnis seit sieben Jahren.

Der Tourismus floriert, auch wenn die Zahlen noch weit entfernt sind von den Blütezeiten der 1970er- oder 1980er-Jahre. Aber die habe ich eh nie erlebt. Heute schreiben wir das Jahr 2018. Und in meinem Kopf leben zwei Versionen des Tessins: Die altbackene, bünzlige Sonnenstube auf der einen und eine so verwunschene wie traumhaft schöne Region auf der anderen Seite.

Ich möchte herausfinden, was diese beiden Versionen mit der Realität zu tun haben. Wie viel echtes Tessin steckt in der berühmten Promenade von Ascona? Wie viel in den wilden, grünen Valli? Was ist das überhaupt, das Tessin? Und: Deckt sich die Deutschschweizer Projektion mit dem Selbstverständnis der Tessiner? Also reise ich an den Ort, an dem mir vor zehn Jahren das Herz aufging – nach Ponte Brolla bei Locarno. Hier liegt das Ristorante Centovalli, ein Geheimtipp, der schon lange keiner mehr ist – das sieht man an den Autokennzeichen auf dem Parkplatz –, zu dessen Spezialitäten ein himmlischer Risotto gehört. Crèmig und schlotzig, mit einer zarten, aber entscheidenden Note Gorgonzola.

Renato Gobbi sitzt an einem der grossen Granittische unter der Weinpergola vor dem Restaurant, die Gedecke für den Mittag liegen bereit, die Sonne scheint durch die Weinblätter hindurch. Das Geheimnis seines Risottos sei weniger das Rezept, sondern viel mehr die Technik, die hinter der Zubereitung stecke. Sein Vater, der das Restaurant eröffnete und später an ihn und seine Schwester übergab, hat das sagenumwobene Gericht kreiert. Als junger Mann war er ins Piemont gereist, wo er einen fantastischen Gorgonzola-Risotto genoss. Zurück zuhause, tüftelte er in seiner Küche so lange, bis er das perfekte Resultat hatte. 45 Jahre ist es her, über eine Million Gäste wurden seither von der Familie Gobbi bedient.

Der Risotto, der im Restaurant Centovalli auf den Tisch kommt, wird all’onda serviert, das heisst, er ist noch flüssig, wenn er auf dem Teller landet. Der Reis saugt nach und nach die Flüssigkeit auf, was ihn in seiner Konsistenz nur ganz langsam fester werden lässt. «Das hat nichts mit den Risotto-Bergen zu tun, die man so oft in Restaurants sieht», sagt Gobbi. Erst neulich sei ein Mailänder zu Besuch gewesen, der die Hände verwarf, als er den flüssigen Reis auf der Silberplatte sah, erzählt Gobbi. «‹È una minestra – das ist eine Suppe!›, rief er aus. Aber ich konnte ihn überzeugen, dass er den Risotto probiert.» Als der Gast das Lokal verliess, bedankte er sich bei Gobbi und versprach, bald wiederzukommen. So, wie es die meisten Gäste tun.

Vier Sachen werden im Restaurant Centovalli, neben den saisonalen Spezialitäten, serviert: der famose Risotto, hausgemachte Ravioli, Fleischbeilagen und ein gemischter Salat. Eine Einfachheit, die man sich über Jahre hinweg habe erkämpfen müssen, sagt Renato Gobbi. Regelmässig seien Touristen gekommen, die sich für ihre Kinder Pommes frites oder Nüdeli wünschten. «Wir sind unserer Linie treu geblieben, auch wenn wir damit ab und zu jemanden vergrault haben.»

Das Nüdeli-Problem kennt auch Christian Zingg, Besitzer des Grottos Pozzasc, das einige Kilometer entfernt von Ponte Brolla im oberen Maggiatal liegt. Seine Eltern, beide Deutschschweizer, sind vor seiner Geburt nach Ascona ausgewandert. Er sei ein Deutschschweizer Secondo im Tessin, sagt er und lacht. Zingg steht in einem kleinen Raum neben dem Restaurant und rührt in der Polenta, die hier den ganzen Tag in grossen Töpfen über dem Feuer köchelt. Im steinernen Kämmerchen sind es über 35 Grad, kleine Ascheteile tanzen durch die Luft. Über die Jahre hinweg seien viele Grotti zu gewöhnlichen Restaurants geworden, in denen Pizza oder Spaghetti serviert werden, sagt Zingg. Im «Pozzasc» hingegen gibt es Polenta, dazu Spezzattino, ein Tessiner Voressen, ausserdem Aufschnitt, Käse und zum Dessert Traubensorbet. Die meisten Gäste würden die Einfachheit der Karte schätzen, aber immer mal wieder gebe es auch Leute, die Spaghetti Bolognese wollen. «Die werden sie bei uns aber nicht bekommen.»

Wie um alles in der Welt kommt man dazu, hier oben in den Valli nach Spaghetti Bolo zu fragen? Die Antwort auf diese Frage erhält man knapp vierzig Kilometer weiter unten. In Locarno und Ascona hängen Schilder an Restaurants, auf denen Pizza Margherita Bufala und Pasta con gamberi angeboten werden. Zwischen der Schönheit der alten Stadtkerne und den Bausünden vergangener Jahre, die vor allem in Locarno die Seepromenade säumen, kommt zusammen, was mir am Tessin auch heute noch missfällt: Hier wird eine Inszenierung dessen gelebt, was sich die durchschnittliche Deutschschweizerin und der durchschnittliche Deutschschweizer unter Italianità vorstellen. Piazza, Pizza, Palmen und irgendwo noch ein Gelato- Stand. Hier schlüpfen die Deutschschweizer in ihr Ferientenü, ziehen die rote Hose über und kombinieren sie mit einem frech-gelben Poloshirt und Lederslippers. Sie flanieren die Promenade entlang, bestellen einen «Expresso» und fühlen sich total mediterran. So einfach kann Dolce Vita sein.

Darüber kann man sich lustig machen, Tatsache aber ist: In Locarno oder Ascona, zwei wichtigen touristischen Aushängeschildern des Kantons, scheint das Konzept «Italia Light» zu funktionieren. Jahr für Jahr ziehen diese beiden Orte den Grossteil der Deutschschweizer Touristen an. «Locarno und Ascona haben ein Flair, das einfach gut bei den Leuten ankommt. Hier finden viele Gäste genau das, was sie sich vom Tessin erhoffen », sagt Jutta Ulrich, Leiterin der Kommunikation von Ticino Turismo. Wir spazieren durch Ronco sopra Ascona, das nur wenige Kilometer neben Ascona liegt. Hier, in diesem malerischen Dörfchen, sei sie durch ihren Job hängen geblieben. Über die kleinen Gassen zwischen den Steinhäusern beugen sich grosse Oleander-Bäume. Es liegt eine entspannende Ruhe in der Luft, und als mein Blick über den Lago Maggiore fällt, wird mir schnell klar, warum man hier «hängen bleiben» kann. «Ich hatte eigentlich nicht vor, so lange im Tessin zu leben.» Doch aus dem vorübergehenden Zuhause wurde für die Deutsche eine neue Heimat. Mittlerweile lebt sie seit acht Jahren im Tessin und pendelt täglich von Ronco sopra Ascona nach Bellinzona, zum Sitz von Ticino Turismo.

«Die Eröffnung des Gotthardtunnels hat vieles in der Tourismusregion ausgelöst», sagt Ulrich. Neben einem Kredit von zwei Millionen Franken, den der Kanton zur touristischen Vermarktung nach der Inbetriebnahme des Tunnels zur Verfügung gestellt hat, wurde unter anderem ein Hospitality-Manager eingestellt, der Hotels dabei helfen soll, ihr Profil zu schärfen. Dieses Engagement wird manchen Häusern allerdings nichts mehr nützen. Wie eine Studie des kantonalen Wirtschaftsund Finanzdepartements DFE zeigt, sind nur dreissig Prozent von achtzig geprüften Hotels wettbewerbsfähig, 15 Prozent verfügen über kein reelles wirtschaftliches Potenzial. Der Grund dafür: Man hat sich auf den goldenen Zeiten ausgeruht, keine Reserven für Investitionen beiseitegelegt und kann nun nicht mehr auf dem Markt mithalten. Wer schon mal ein Hotel im Tessin gebucht hat, weiss, was das heissen kann. Es gibt einige Häuser, die nur noch blass an die Grandezza von früher erinnern. Auf manchen Teppichböden liegt eine Staubschicht, an der sich die Jahre des Hauses zählen lassen wie an den Jahrringen eines Baumes. Trotzdem sind die Kosten selbst im 3-Sterne-Bereich hoch. 200 Franken für ein Doppelzimmer ohne Klima-Anlage und mit einem Mobiliar, das in den Achtzigern glänzte, sind nicht angemessen, Seesicht hin oder her.

Dass Touristen nämlich durchaus bereit sind, für Authentizität und ein regionales Reise-Erlebnis zu bezahlen, zeigen Beispiele wie das Ristorante Centovalli in Ponte Brolla, das auch eine Herberge ist. Die Preise für Unterkunft und Verpflegung sind nicht tief, aber angemessen. Oder das «Seven Boutique Hotel» in Ascona – das zwar zu einer Restaurantkette gehört, aber charmant und geschmackvoll eingerichtet ist. Der Liebe zum Detail und zu regionalen Produkten verpflichtet ist auch Claudio Zanoli, der vielleicht freundlichste Gastgeber des Tessins: In seinem Grotto in Losone, dem Ferienort zwischen Ascona und Locarno, gibt es regionale Spezialitäten wie Polenta concia con zola, Polenta mit Gorgonzola oder Pilzrisotto. Aber auch ein Rindsfilet für vierzig Franken. Besonders fein ist das Cunili rostid, ein im Ofen zubereitetes Kaninchen, das nur sonntags serviert wird. Das Konzept funktioniert, jeden Abend ist das Grotto bis auf den letzten Platz besetzt – in der Zwischensaison vor allem mit Einheimischen, in der Hochsaison mit Deutschschweizern und Deutschen.

Eine Chance, diese eigene Identität über den Teller hinaus weiter zu fördern, wäre der Nationalpark gewesen, der rund ums Onsernonetal und das Centovalli hätte entstehen sollen. Sechs von acht Gemeinden sprachen sich Anfang Juni gegen den Park aus – ein ziemlich eindeutiges Nein. Ticino Turismo hatte das Projekt unterstützt. «Damit waren und sind viele Projekte verbunden, von denen die einzelnen Regionen hätten profitieren können», sagt Ulrich. 5.2 Millionen Franken an Investitionsgeldern wären pro Jahr geflossen. Auch Ronco sopra Ascona wäre Teil der Parkzone gewesen – und hätte dadurch mehr touristische Aufmerksamkeit bekommen, davon ist auch Flavio Materni überzeugt. Er führt mit seiner Frau den kleinen Tante-Emma-Laden in der Dorfmitte. Materni steht vor seinem Laden und blinzelt in die Sonne. Links und rechts vom Eingang säumen Zeitschriften und Magazine die Hauswand. Die grosse Kirche nebenan spendet ein paar Katzen Schatten, die sich auf dem Dorfplatz fläzen. Dass der Park abgelehnt wurde, habe mehrere Gründe gehabt, sagt Materni. Es gab verschiedene Interessengruppen, die gegen das Projekt Stimmung machten, etwa die Jäger aus der Region. Ausserdem hätte der «grosse Bruder Deutschschweiz», der stark ins Projekt involviert war, das Misstrauen zusätzlich geschürt: Eine Fremdbestimmung aus Bern wollen die Tessiner um jeden Preis verhindern. Gleichzeitig beklagen vieler dieser Stimmen jedoch die Gleichgültigkeit der nationalen Exekutive gegenüber ihrem Kanton. «Wir merken kaum, dass ein Tessiner im Bundesrat sitzt», sagt Materni ein wenig konsterniert. Für ihn zeigt auch der neue Gotthardtunnel nur begrenzt seine Wirkung. Ja, Tagestouristen würden schon vorbeikommen, aber die liessen kaum Geld liegen. Was es brauche, sei ein besseres ÖV-Netz.

Ein Grossprojekt, das die Mobilität innerhalb des Kantons verändern wird, ist der Ceneri-Basistunnel, der 2020 eröffnet wird. Zwischen Locarno und Lugano soll die Reisezeit dann gerade mal 22 Minuten dauern statt wie bis anhin 55. Das bringt zwei Regionen näher zusammen, die, wie viele Tessiner betonen, unterschiedlicher nicht sein könnten: Im Sopraceneri, also unter anderem in Locarno, in Ascona und den Valli, stapfen die Deutschschweizer in Socken und Sandalen durch die Stadt, in Lugano, im Sottoceneri, stöckeln die Italiener in Designerstiefeln durch die Gassen – so weit das Klischee. Ganz falsch ist das nicht. Das zeigt sich zum Beispiel an einem lauen Sommertag, an dem ich durch Lugano spaziere. Während auf dem Luganersee die Pedalos kreisen, sind vor dem LAC, dem Kulturzentrum, das 2015 eröffnet wurde und die Stadt als Kulturmetropole etablieren soll, drei Teslas parkiert. Italienische und arabische Gäste stehen in Trauben um die Autos herum und lassen sich von den Verkäufern die Vorteile erklären. Ein Bild, das man so im Sopraceneri kaum antrifft. Lugano, eine Stadt mit knapp 64 000 Einwohnern, hat einen ganz anderen Vibe als Locarno mit seinen 16 000 Einwohnern. In Lugano wird kaum Deutsch geredet, auf den Parkplätzen stehen viele Autos mit italienischen Kennzeichen – und der Risotto in den Restaurants türmt sich zu einem Berg. Die Nähe zu Italien ist spürbarer, doch auch hier erinnern einen die Leute daran, dass man sich noch in der Schweiz befindet. Auf meine Frage, ob sie sich näher mit der Deutschschweiz oder mit Italien verbunden fühle, antwortet mir im Café auf der Piazza eine Servicemitarbeiterin schroff: «Das ist Lügàn.» Sie sagt dies im schönsten Tessiner Dialekt.

Je mehr Zeit ich im Tessin verbringe, umso mehr habe ich den Eindruck, dass hier alle Regionen, so unterschiedlich sie sein mögen, ein grosser Stolz gegenüber dem eigenen Kanton verbindet. So erklärt es mir auch Eros im Verzascatal, der sich beim Dorfeingang in Lavertezzo an die Terrassenwand des Kiosks neben der Strasse lehnt – sein Stammplatz, wie er sagt. Das kleine Dörfchen vereint schon jetzt, zwei Jahre vor der Eröffnung des Ceneri-Tunnels, italienische und Deutschschweizer Gäste wie vielleicht kein anderer Ort im Tessin. Eros blickt hinunter auf die Verzasca, das Wasser leuchtet in der Sonne. Im letzten Jahr wurde der Ort durch das Video eines italienischen Touristen bekannt, in dem man sieht, wie sich der junge Mann mit seinen Freunden und einer Go-Pro-Kamera in die hellblauen Tiefen der Verzasca stürzt. Deutsche und italienische Medien berichteten von den «Malediven der Schweiz». Das Dorf wurde danach von Touristen überflutet. Eros sieht das entspannt. Er habe nichts dagegen, sagt er, wenn so viele schöne Frauen aus Italien bis nach Lavertezzo reisten. «Ist doch toll, wenn alle zu uns kommen. Wir brauchen den Tourismus!» Eros hat begriffen, was mir, die sich so über andere Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer nervt, so schwerfällt: Man beisst nicht die Hand, die einen füttert. Ich gehe über die Brücke am Ende des Dorfes, die sich in zwei Bögen über den Fluss spannt und von der sich die mutigsten Schwimmer hinunter ins türkise Nass stürzen. Für mich braucht es schon vom Flussufer aus Überwindung, hineinzuspringen – denn im ersten Moment fühlt sich das eiskalte Wasser der Verzasca wie tausend kleine Nadelstiche an. Dann aber taucht man unter, sieht das klare Wasser, spürt die Strömung, die einen mitzieht.

Lavertezzo ist kein Geheimtipp mehr. Und doch denke ich: Verdammt, ist das schön hier. Das dachte ich auch, als ich in Locarno von der Kirche Madonna del Sasso aus in die Stadt spazierte und mich wie in einem Urwald fühlte, weil das satte Grün der Pflanzen und Bäume mich vergessen liess, wo ich gerade bin. Oder als ich in Indemini, diesem kleinen Aussteigerdörfchen oberhalb von Vira im Gambarogno, durch die Gassen spazierte und mich im Schatten der Steinhäuser von der Hitze erholte. Und im Centovalli, als ich in der Melazza schwamm und mich danach an einen warmen Felsen schmiegte. Das dachte ich sogar, als ich im touristischen Ascona ein Pedalo mietete und aus der Ferne die malerische Promenade begutachtete. Und das denke ich nun wieder, wo ich an der Verzasca liege, neben mir eine Gruppe Italiener, die ihr Picknick auspacken, drei Rentner, die ausser Atem ihre Wanderstöcke zur Seite legen, und zwei Zürcher, die darüber diskutieren, ob Grappa eine Tessiner Spezialität ist. Lavertezzo ist weder Italien noch die Schweiz. Es ist das Tessin.

Ich spaziere hoch zum kleinen Grotto oberhalb der Brücke und bestelle ein Gazosa al limone. Ja, es schmeckt süsser als früher. Aber auch besser.

Tipps

HOTELS

Im Grünen: Im Albergo Ristorante Centovalli in Ponte Brolla gibt es nicht nur einen fantastischen Risotto, sondern auch bequeme Betten. Die Zimmer sind stilvoll, aber schlicht gestaltet. Überwältigend ist der Blick nach draussen, auf das satte Grün der Palmen und Pflanzen, die das Haus umgeben.
Albergo Ristorante Centovalli, Ponte Brolla, Tel. 091 796 14 44, , DZ ab 192 Franken

Mitten drin: Das «Seven Boutique Hotel» in Ascona wurde erst vor einem Jahr eröffnet und reiht sich damit in die Gruppe von Seven-Restaurants ein, die sich während der letzten Jahre in Ascona und Lugano etabliert haben. Uns überzeugt vor allem die Lage mitten im Ortskern. Die 63 Zimmer sind auf fünf Gebäude verteilt, die alle über ganz verschiedene charmante Gärten oder Innenhöfe verfügen. Alle Räume sind hell, modern und sehr charmant eingerichtet, das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt.
Seven Boutique Hotel, Piazza G. Motta 21 + 25, Ascona, 091 780 77 77, , DZ ab 200 Franken 

Schöne Aussichten: Wer im Locarnese ein Hotel sucht, das noch die Grandezza von früher versprüht, ist im Hotel Belvedere richtig. Das 4-Sterne-Haus liegt zwischen Stadtzentrum und der Kirche Madonna del Sasso. Der Name ist Programm, von allen neunzig Zimmern aus hat man einen wunderbaren Blick auf die Stadt und den Lago Maggiore. In diesem Haus, das seit dem 19. Jahrhundert als Hotel genutzt wird, ist die Zeit trotz allem nicht stehengeblieben. Die Familie Franzoni, die das Hotel seit mehreren Generationen führt, verbindet erfolgreich Tradition mit Modernität.
Hotel Belvedere, Via ai Monti della Trinità 44, Locarno, Tel. 091 751 03 63, , DZ ab ca. 250 Franken

Wie auf einem Luxusschiff: Wer sich ein wenig Luxus gönnen will, sollte eine Nacht im Hotel The View in Lugano Paradiso einplanen. Die 18 Suiten sind eingerichtet wie die Räumlichkeiten einer Luxusjacht: Schicke Holzböden aus Naval Teak, grosszügige Fensterfronten und Interiordetails bei Lampen und Mobiliar geben einem das Gefühl, auf hoher See zu sein. Der Blick über Lugano ist spektakulär, genauso wie das Frühstück.
The View, Via Guidino 29, Lugano Paradiso, Tel. 091 210 00 00, theviewlugano. com, DZ ab ca. 800 Franken

Ganz familiär: Wer es ein bisschen bodenständiger möchte, wird in der Altstadt von Lugano fündig. Im Hotel Dante wird man mit Gummibärchen an der Rezeption begrüsst – eine von vielen freundlichen Aufmerksamkeiten, die einem als Gast entgegengebracht werden. In wenigen Schritten ist man beim See oder auf der Piazza Grande – aber es lohnt sich, das grosszügige Frühstück im Hotel zu geniessen.
Hotel Lugano Dante, Piazza Cioccaro 5, 6900 Lugano, Tel. 091 910 57 00, , DZ ab. ca. 250 Frankenm

KULTUR

Das Kulturzentrum Lugano Arte e Cultura (Lac), zu dem auch ein Teil des Museo d’arte della Svizzera italiana (Masi) gehört, hat sich mit Konzerten, Festivals und Ausstellungen in kurzer Zeit einen Namen in der Kunst- und Kulturwelt gemacht. Ab dem 16. September präsentiert das Masi die Ausstellung «René Magritte. La Ligne de vie», die eine Hommage an das Werk des belgischen Surrealisten ist.
René Magritte, La Ligne de vie. 16. September 2018 bis 6. Januar 2019, Museo d’arte della Svizzera italiana, Lac Lugano, Piazza Bernardino Luini 6, 6900 Lugano, Tel. 058 866 42 22,

ESSEN

Bella Polenta: Ganz idyllisch bei einem Naturbecken liegt das Grotto Pozzasc. Die Hausspezialität, Spezzatino mit Polenta, ist wärmstens zu empfehlen, genauso wie ein anschliessender Verdauungsspaziergang durch die wunderbare Natur, die dieses Grotto umgibt.
Grotto Pozzasc, Al fiume, Peccia, Tel. 091 755 16 04

Wie zuhause: Das Grottino Ticinese in Losone hält, was der Name verspricht: Hier gibt es feine Tessiner Klassiker wie Polenta, Risotto oder Cicorièta coi scigol «fin ca ga né», einen bitteren Salat mit Zwiebeln, der nach dem Prinzip «es hät so langs hät» serviert wird. Unbedingt reservieren!
Grottino Ticinese, Via S. Materno 10, Losone, Tel.091 791 32 30,

Weitere Lieblingsgrotti der Autorin: gamevuinhon.info/grotti

Kerstin Hasse

Die Online-Reporterin interessiert sich für die Fragen, die sich ihrer Generation gerade stellen. Sie schreibt über Politik und Popkultur, über Feminismus und Gleichstellung, über Beziehungen und – typisch Millennial – manchmal auch über sich selbst.

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